Sind Lehrer*innen „faule Säcke“?

Ein früherer Bundeskanzler hatte den Spruch von sich gelassen, dass Lehrer doch faule Säcke seien. Mittlerweile und schon seit längerem sitzt dieser besagte ehemalige Bundeskanzler im Aufsichtsrat des russischen Energieriesen Gazprom und dürfte dort aller Vermutung nach auch eine relativ ruhige und entspannte Arbeit haben. Denn dieser Posten dürfte ihm hauptsächlich deswegen zugeflogen sein, um aus russischer Sicht ein politisches Statement zu formulieren. Immerhin hat besagter ehemaliger Bundeskanzler seinen flotten Spruch von anno dazumal revidiert.

Lehrer haben morgens Recht und nachmittags frei, heiĂźt ein anderer Spruch, ein Stereotyp, ein Vorteil.

Lehrer*innen haben vormittags Unterricht, in einer Ganztagsschule haben sie bis Nachmittags Unterricht, und dann kommen sie nach Hause, wo sie sich optimalerweise eine halbe Stunde hinlegen, um die nervliche Anspannung irgendwie ablegen zu können, bevor sie sich dann abends an den Schreibtisch setzen, während der Rest der Familie es sich im Wohnzimmer gemütlich macht, und bereiten den nächsten Tag vor.

Denn in jeder Stunde in einer Klasse wird von neuem entschieden, ob die Stunde läuft oder nicht. Jede Stunde wird neu ausgehandelt, ob Unterricht funktioniert, oder ob es laut wird in der Klasse und alle gestresst sind, ganz besonders der Lehrer. Jede Stunde wird neu entschieden, ob ein Lehrer irgendwann im Burnout landet oder nicht. Deswegen ist gute Vorbereitung für guten Unterricht äußerst wichtig.

Und am Samstag und Sonntag? Am Samstag haben viele Menschen frei und erholen sich von der Arbeitswoche, als Lehrer hat man oft Tests und PrĂĽfungen zu korrigieren oder findet endlich Zeit fĂĽr den organisatorischen Kram, der auch immer gemacht werden muss. Am Sonntag unternimmt man etwas und sitzt abends, Sie vermuten es schon, wieder am Schreibtisch, um den Montag vorzubereiten.

Ja, tatsächlich, die Sommerferien haben die Lehrer*innen frei. (Aber machen nicht auch all die anderen Menschen im Sommer längeren Urlaub?) Die restlichen Ferien aber sind nicht frei. Meistens nimmt man irgendwelche Tests oder Klausuren mit in die Ferien zum Korrigieren. Klar, einen Teil der Ferien hat man dann frei, den anderen Teil aber nicht.

Wenn Leute sich nun beschweren, Lehrer*innen seien angeblich von Haus aus faul, ist zu fragen, woher sie sich dieses Urteil erlauben. Sie glauben, weil sie selber einmal SchĂĽler*in waren, wĂĽssten sie, wie die Sache läuft. Besser und seriöser wäre es aber doch, wenn Leute, die immer meinen, das Lehrerdasein sei erstrebenswert, sich ĂĽberlegen und selber fragen wĂĽrden, warum sie dann nicht Lehrer*innen geworden sind – oder es nicht noch werden.

Zum Abschluss muss man aber sagen, dass Lehrersein nicht ein Job ist, sondern für die meisten wahrscheinlich ein Beruf, im Sinne von Berufung. Einen Job macht man, um Geld zu verdienen, einen Beruf hingegen darf man ausüben, wenn man sich dazu berufen fühlt und weil man diese Tätigkeit auch gerne macht und sie einen erfüllt. Lehrer sein ist also keine Tätigkeit, die man nur vormittags in der Schule ausfüllt, sondern sie begleitet einen den ganzen Tag bis in die Nacht. Lehrer sein ist anstrengend, Lehrer sein ist aber auch schön und lebendig und abwechslungsreich und stets jugendlich und erfüllend. So ist das mit einer Berufung. Man kann sich ihr nicht verweigern. Denn sie hat einen gerufen und ruft einen auch weiterhin.

Kommentar verfassen...(Kommentare, die Links enthalten, mĂĽssen auf Freischaltung warten)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ă„ndern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ă„ndern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ă„ndern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ă„ndern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.