Soll die evanglische Bischöfin Frau Käßmann nach ihrer Scheidung zurücktreten ? Einerseits hat sie in ihrem Amt Vorbildfunktion für die evangelischen Gläubigen. Andrerseits ist die Frage, wie diese Vorbildfunktion aussieht. Ist es denn die Botschaft des Evangeliums, Menschen fallen zu lassen, die „gesündigt“ haben ? Und vor allem: kann man das in einer Ehe überhaupt so sagen, dass nur einer schuld sei ? Wohl kaum. Zwar mag es Menschen geben, die ihren Partner notorisch betrügen und die somit aus rein moralischer Sicht schwer als Vorbild dienen können. Allerdings ist es selbst bei ihnen schwer, sie zu verurteilen. Denn sind sie alleine Schuld an ihrem Tun, oder in wieweit sind es beide Partner ? Rigide und kontrollierende Systeme innerhalb einer Ehe beispielsweise fördern geradezu solches Verhalten.
Davon kann man bei den Käßmanns wohl eher nicht ausgehen. Hier mag es sich vielmehr um einen Fall handeln, dass man einfach nicht mehr mit einander „kann“. Dies ist traurig genug und hinterläßt Wunden genug. Aber ist es nun im Sinne der Liebe, dies auch von kirchlicher Seite her noch zu bestrafen ? Steht das nicht gegen die Aussage Jesu, der eine Ehebrecherin freispricht und ihr rät, fortan anders zu leben ? Ganz abgesehen davon, dass man in dem Fall Käßmann das Wort Ehebrecher(in) gar nicht verwenden mag. Man kann zwar argwöhnen, dass möglicherweise tatsächlich Dinge passiert sein könnten, die man so sich nicht wünscht.
Die Frage aber ist eine andere: was, wenn zwei Menschen merken, es geht nicht mehr miteinander ? Soll man sie zwingen, den Schein nach außen aufrecht zu erhalten – nur weil die Öffentlichkeit sich das so wünscht ?
Soll man sie nun öffentlich anprangern und ihnen den Beruf entziehen ? Soll man einer Bischöfin – trotz ihrer Vorbildfunktion – diese Rolle absprechen ? Oder entspricht es nicht vielmehr dem Evangelium, nachsichtig auch mit ihr umzugehen ?
Eine Klärung im Einzelfall ist sicherlich vonnöten. Aber generell ist daran zu denken: nur, wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein. Nur, wer ohne Schuld ist, klage sie an.
Will heißen: letztlich ist keiner wirklich legitimiert, sie anzuklagen. Denn eine Scheidung leitet man nicht leichtfertig in die Wege, zumindest normalerweise nicht. Einer Scheidung gehen unzählige kleine Scheidungen voran, über Jahre.
Wer dies also verurteilen will, wird nach der Legitimität seines Urteils fragen müssen. Letztendlich wird er sie nicht finden. Zumindest wohl in dieser Weise nicht in Jesu Botschaft.
Wenn man also Frau Käßmann nun in ihrem Amt „absägt“, erreicht man damit, dass die Führungsspitze der Kirche wieder eine „reine Weste“ hat.
Man erreicht aber auch noch etwas anderes: dass nämlich die Verkündigung Jesu, der stets darauf aus war, aus der Gesellschaft Ausgeschiedene mit der Gesellschaft und Gott zu versöhnen und zur Umkehr zu bewegen, einem kirchenpolitischen Opportunismus preisgegeben wird. Ein solches Vorgehen entspricht wohl nicht dem, was Jesus stets lehrte: Vergebung und die Möglichkeit, es von neuem – und besser – zu versuchen.
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