
Münchens neuestes architektonisches Prachtstück steht. Es ist ein Bauwerk, das sich in einem erfrischend gründlichen Grau präsentiert. Man könnte fast meinen, es sei eine Hommage an den regnerischen Münchner Himmel oder der ultimative Ausdruck von urbaner Tristesse. Manche Passanten, wie jener, der meinte, dieses hübsche Grau passe ganz perfekt zu seiner Nutzung, scheinen die tiefergehende architektonische Ironie sofort verstanden zu haben.
Denn bei genauerer Betrachtung des Schildes wird die ganze Meisterleistung der Planung klar: Hier befindet sich das Städtische Berufliche Schulzentrum für Farbe und Gestaltung.

Man kann sich die kreativen Planungssitzungen lebhaft vorstellen. „Wie gestalten wir die Fassade?“ „Mit Grau.“ „Und das Schild?“ „Ganz unauffällig, vielleicht in Grau auf Grau.“ Es ist ein Statement der visuellen Verweigerung. In einer Welt, die vor Farben überquillt, hat man hier einen Ort der absoluten Reizarmut geschaffen. Ein Farbtupfer an der Fassade könnte die empfindlichen Augen der zukünftigen Gestalter ja nachhaltig irritieren.
Vielleicht ist der Bau auch ein genialer psychologischer Test. Schüler, die sich täglich durch dieses Monochrom-Vakuum quälen, müssen ja eine immense Sehnsucht nach Farbe entwickeln. Nach drei Jahren sind sie so verzweifelt, dass sie alles bunt anstreichen, was ihnen in die Quere kommt. Ein Segen für die Münchner Malerbetriebe.
Die Lehrer werden wahrscheinlich in grauen Kitteln unterrichten und Farbmuster nur noch als Schwarz-Weiß-Kopien austeilen. „Das hier, meine Damen und Herren, ist ‚Feuerrot‘, wie es theoretisch existieren könnte.“ Es ist die Deconstruction des Farb-Mythos. Farbe ist nur eine Illusion, Grau ist die Wahrheit.
Es ist total beruhigend zu wissen, dass die visuelle Bildung unserer Jugend in solch konservativ farblosen Händen liegt. Man möchte fast sagen: Alles im grauen Bereich. Es bleibt die Hoffnung, dass die Farbtöpfe wenigstens drinnen geöffnet werden – nachts, ganz heimlich, wenn keiner da ist.



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