
Das Privileg des Andersseins: Wenn „komisch“ eigentlich „besonders“ meint
Wir alle kennen diesen Moment: Du sagst etwas, trägst etwas oder entscheidest dich für einen Weg, der nicht der Norm entspricht – und prompt folgt dieser eine Satz, oft begleitet von einem schiefen Blick: „Du bist echt komisch.“
Was sich im ersten Moment wie eine Ausgrenzung anfühlt, ist bei genauerem Hinsehen oft nur die Unfähigkeit der anderen, mit Individualität umzugehen. In einer Welt, die Konformität liebt, ist das „Komische“ oft das eigentlich Spannende.
Die Geschichte von Zachäus: Der Außenseiter auf dem Baum
Stell dir eine staubige Straße in Jericho vor. Die Menge drängt sich, alle wollen den neuen Star am Himmel sehen: Jesus. Und mittendrin steht Zachäus. Er ist klein, er ist verhasst (weil er als Zollpächter für die Besatzer arbeitet) und er passt so gar nicht in das Bild eines „guten Bürgers“.
Zachäus ist für die Leute in Jericho nicht nur „komisch“, er ist ein Paria. Er merkt, dass er keine Chance hat, durch die Menge zu sehen. Was tut er also? Er vergisst seine Würde, rennt voraus und klettert – ein erwachsener, reicher Mann im feinen Gewand – auf einen Maulbeerfeigenbaum.
Stell dir das Gelächter vor. „Schaut euch den an, wie lächerlich und seltsam er ist!“ Doch dann passiert das Unerwartete: Jesus bleibt genau unter diesem Baum stehen. Er lacht ihn nicht aus. Er sagt nicht: „Komm mal runter, du machst dich peinlich.“ Er sagt:
„Zachäus, steig eilends herab; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren!“ (Lukas 19,5)
Während die „Normalen“ am Straßenrand stehen und murren, wird der „Komische“ auf dem Baum zum Gastgeber Gottes.
Warum „komisch“ ein Kompliment sein kann
Wenn wir uns die Geschichte von Zachäus und unser heutiges Thema ansehen, ergeben sich spannende Parallelen:
- Mut zur Peinlichkeit: Zachäus war es egal, „komisch“ zu wirken, weil sein Ziel (Jesus zu sehen) wichtiger war als sein Image. Wer heute als komisch bezeichnet wird, hat oft einfach nur den Mut, seine Prioritäten anders zu setzen als die Masse.
- Die Perspektive der Beobachter: Die Menschen nannten Zachäus wahrscheinlich deshalb seltsam, weil er ihr Weltbild sprengte. Jemand, der sich nicht an die Regeln der sozialen Schwerkraft hält, macht anderen Angst oder irritiert sie.
- Gottes Blickwinkel: In der Bibel sehen wir immer wieder, dass Gott gerade die Menschen auswählt, die am Rand stehen oder „anders“ ticken. Das, was Menschen als „schräg“ bezeichnen, nennt die Bibel oft „berufen“.
Wenn dir jemand sagt, du seist komisch, dann bedeutet das meistens nur, dass du eine Facette des Menschseins zeigst, die dein Gegenüber bei sich selbst noch nicht entdeckt oder sich nicht getraut hat auszuleben. Zachäus musste auf den Baum klettern, um gesehen zu werden. Vielleicht ist dein „Komisch-Sein“ genau der Baum, den du brauchst, um eine neue Perspektive auf das Leben zu gewinnen.



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