
Das Bild, das Berlin im Februar 2026 abgibt, erinnert weniger an eine pulsierende Metropole als an ein vergessenes Tiefkühlfach. Die Stadt ist starr, die Gehwege sind zu gefährlichen Glasur-Zonen erstarrt, und während die einen vorsichtig im „Pinguin-Gang“ zur Arbeit watscheln, liegen andere bereits mit Trümmerbrüchen in der Charité. Doch hinter der glatten Oberfläche verbirgt sich mehr als nur ein Wetterphänomen: Es ist eine ethische Zerreißprobe zwischen ökologischem Gewissen, staatlicher Handlungsfähigkeit und der Frage, wie viel Eigenverantwortung wir uns eigentlich noch zutrauen.
Wenn Verantwortung auf glattes Pflaster trifft
Es fängt im Kleinen an, am Infopunkt eines Baumarkts. Wo früher Klopapier oder Masken die Währung der Krise waren, ist es heute das Streusalz. Dass Menschen im Sommer Vorräte anlegen sollen, wie es Mitarbeiter raten, klingt nach Prepper-Mentalität, ist in Berlin aber bittere Notwendigkeit geworden. Die Stadt steckt in einer „Verantwortungsdiffusion“ fest, die so glatt ist wie die Friedrichstraße.
Das Salz-Dilemma: Ökologie gegen Menschenwürde
Der Kern des Problems ist ein ethischer Interessenkonflikt, der im Winter 2026 eskaliert. Auf der einen Seite steht der Umweltschutz: Salz vergiftet das Grundwasser, schädigt die Wurzeln der Stadtbäume und macht den Boden für Jahre unbrauchbar. Auf der anderen Seite steht die körperliche Unversehrtheit. Wenn eine 84-jährige Frau eine Stunde lang bei minus acht Grad mit einem zertrümmerten Becken im Garten liegt, bevor sie gefunden wird, stellt sich die Frage: Wie viel Natur-Ethik können wir uns leisten, wenn die Fürsorgepflicht gegenüber den Schwächsten der Gesellschaft kollabiert?
Die medizinische Statistik ist gnadenlos: Ein Oberschenkelhalsbruch im Alter ist oft kein bloßer Unfall, sondern der Beginn einer Abwärtsspirale, die für fast ein Drittel der Betroffenen tödlich endet. In den Berliner Notaufnahmen wird deshalb ein „Katastrophenmodus“ ausgerufen, der eigentlich vermeidbar wäre. Wenn Rettungswagen durch Löschfahrzeuge ersetzt werden müssen, weil das System überlastet ist, hat das Eis die staatliche Infrastruktur bereits gesprengt.
Politisches Glatteis und die Krise der Führung
Inmitten dieser Erstarrung steht der Regierende Bürgermeister Kai Wegner. Die Kritik an ihm entzündet sich nicht nur an der mangelnden Räumung, sondern an einem tieferliegenden Gefühl der Entfremdung zwischen Politik und Realität. Während die Stadt wegen Sabotage an der Stromversorgung einfriert, spielt Wegner Tennis; während die Bürger nach Lösungen suchen, verweist die Verwaltung auf Paragrafen.
Der Vorwurf der Lüge und das Abtauchen in privaten Freizeitaktivitäten während eines Infrastruktur-GAUs (wie dem Stromausfall im Südwesten) haben das Vertrauen untergraben. In einer Zeit, in der das Land unter Bundeskanzler Friedrich Merz einen strengeren Kurs fährt, wirkt die Berliner CDU-Führung oft wie ein Fremdkörper, der zwischen konservativem Anspruch und großstädtischem Chaos hin- und hergeworfen wird. Die Freigabe von Streusalz per Allgemeinverfügung kam für viele zu spät – ein Symbol für eine Politik, die erst reagiert, wenn die Knochen bereits gebrochen sind.
Die Illusion der Delegation: Wer schaufelt eigentlich?
Doch die Schuld allein „nach oben“ zu schieben, greift zu kurz. Berlin hat nach dem Horrorwinter 2010 das Gesetz geändert: Hauseigentümer sind verantwortlich, auch wenn sie Firmen beauftragen. Dass viele Gehwege dennoch unberührt bleiben, offenbart einen Riss im gesellschaftlichen Vertrag. Wir haben verlernt, die Schaufel selbst in die Hand zu nehmen, und verlassen uns auf Dienstleister, die im Extremfall einfach nicht auftauchen.
Es ist eine Form von bequemer Ignoranz: Man zahlt eine Nebenkostenpauschale und glaubt, damit seine moralische Pflicht zur Sicherung des öffentlichen Raums abgegolten zu haben. Doch Solidarität lässt sich nicht komplett outsourcen. Wenn das Eis zu dick wird, hilft kein Salz mehr – dann hilft nur noch physische Arbeit. Das Fehlen dieser „bürgerlichen Schaufelleistung“ ist das eigentliche Symptom einer Gesellschaft, die zwar lautstark Rechte einfordert, aber die damit verbundenen Pflichten gern im Keller lagert.
Den Frost im Kopf brechen
Die Krise in Berlin ist eine Mahnung, dass Urbanität nur funktioniert, wenn die Balance zwischen staatlicher Vorsorge und individueller Empathie stimmt. Es geht nicht nur um die Physik von Tausalz und Gefrierpunkten. Es geht darum, ob wir in einer Stadt leben wollen, in der man sich im Winter im Homeoffice verbarrikadiert, während draußen die Nachbarn stürzen.
Ethik bedeutet hier ganz praktisch: Vielleicht mal den Gehweg vor dem Haus checken, auch wenn man nicht im Grundbuch steht. Denn am Ende des Tages ist das glatteste Pflaster nicht das auf der Straße, sondern das in unserem Umgang miteinander.
Quellen:
- Die ZEIT, Ausgabe 06/2026: „Brrrrrrrlin – Glätte in Berlin“ (Mariam Lau, Anna Mayr, Anastasia Tikhomirova, Fritz Zimmermann).
- Berliner Straßengesetz (StrG Bln) & Straßenreinigungsgesetz (StrReinG).
- Statistiken der Charité Berlin zu Winterunfällen (Februar 2026).
- Aktuelle Analysen zur politischen Lage im Berliner Senat (Februar 2026).



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