4 Jahre Ewigkeit, 15 Jahre ein Hauch

Das Geheimnis, das die Uhr nicht zeigt…

​Kennt ihr das Gefühl? Eine Stunde bei der Lieblingsserie vergeht wie fünf Minuten, aber fünf Minuten in einer Situation, die man hasst, fühlen sich an wie eine Stunde. Zeit ist nicht nur das, was die Uhr anzeigt. Zeit ist das, was die Seele fühlt.

​Ich möchte euch eine Geschichte erzählen. Es ist meine eigene Geschichte. Sie handelt von Sklaverei und Freiheit, von Betonwüsten und lebendigen Begegnungen. Und sie handelt davon, wie Gott die Zeit verbiegt.

​Ein Zeugnis: Vom Architekturbüro ins Leben

​Zu Beginn meines Arbeitslebens war ich Architekt. Ich saß vier Jahre lang in einem Büro. Diese Zeit kam mir unendlich lange vor. Warum? Weil ich es als eine einzige Sklaverei empfunden habe.

Dann habe ich den Beruf komplett gewechselt. Es war ein langer Werdegang, aber ich habe die Kraft gefunden, weil Menschen mich unterstützt haben – und die innere Kraft habe ich auch gefunden, weil, so glaube ich, Gott mir geholfen hat. Ich vergleiche das gerne mit dem Exodus aus Ägypten. Gott kann auch heute noch Wunder tun, indem er einem die richtigen Gedanken und die Kraft gibt, Dinge verändern zu können.

​Und heute arbeite ich nun schon seit 15 Jahren in einem Beruf, wo ich viel mit Menschen zu tun habe. Diese 15 Jahre kommen mir im Rückblick vor wie ein einziger Augenblick. Die vier Jahre Sklaverei wie eine Unendlichkeit, diese 15 Jahre hier aber wie ein Wimpernschlag. Warum? Weil ich diese 15 Jahre über Mensch sein konnte und Mensch war und Mensch bin. Gelobt sei Gott!

​Die Theologie der Zeit: Warum wir leiden, wenn wir falsch leben

​Was ist hier passiert? Warum dehnen sich vier Jahre zur Unendlichkeit und schrumpfen 15 Jahre zum Augenblick?

​Der große Kirchenvater Augustinus von Hippo (354–430) wusste schon damals, dass Zeit etwas Psychologisches ist, etwas, das im Inneren des Menschen geschieht („distentio animi“). In seinen Confessiones schreibt er über die Zerrissenheit des Menschen, der noch nicht bei sich selbst und bei seiner Bestimmung angekommen ist:

„Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir.“

(Augustinus, Confessiones I, 1)

​Diese Unruhe macht jede Minute zur Qual. Wenn wir in einem Leben feststecken, das nicht uns gehört, erleben wir das, was der Existenzialist und Theologe Paul Tillich (1886–1965) als die Bedrohung durch die Sinnlosigkeit beschrieb. Wenn das Tun nicht mit dem Wesen resoniert, wird das bloße Existieren zur Last. Die Zeit wird zum Gefängnis.

​Der Mut zum Exodus

​Doch die Geschichte zeigt auch den Ausweg: den Exodus.

Wir alle kennen die biblische Erzählung: Israel zieht aus Ägypten aus, weg von der Unterdrückung, hinein in die unsichere Wüste der Freiheit. Gustavo Gutiérrez (*1928), der Vater der Befreiungstheologie, erinnert uns daran, dass Gott kein Gott des Stillstands ist. Er ist ein Gott, der Geschichte schreibt, indem er Menschen befreit – nicht nur geistig, sondern ganz real aus krankmachenden Lebensumständen:

„Gott offenbart sich in der Geschichte als der, der Gerechtigkeit schafft und die Unterdrückten verteidigt.“

(Gustavo Gutiérrez, Theologie der Befreiung, 1971)

​Dieser Gott gibt, wie im Zeugnis beschrieben, die „richtigen Gedanken“. Es ist das, was Karl Barth (1886–1968) als das „Wunder der Freiheit“ bezeichnen würde. Gott greift oft nicht mit Blitzen vom Himmel ein, sondern subtiler: Er gibt den Mut, Nein zu sagen zu dem, was einen zerstört, und Ja zu sagen zu dem, wer man sein soll.

​Das Geheimnis des „Menschseins“

​Warum vergingen die 15 Jahre wie im Flug? Die Antwort lautet: „Weil ich Mensch sein konnte.“

​Hier berühren wir den tiefsten Kern christlicher Theologie. Schon im 2. Jahrhundert prägte Irenäus von Lyon (ca. 135–202) einen Satz, der wie Donner hallt und genau diese Erfahrung beschreibt:

„Gloria Dei vivens homo.“ – „Die Herrlichkeit Gottes ist der lebendige Mensch.“

(Irenäus von Lyon, Adversus Haereses, IV, 20, 7)

​Gott wird nicht dadurch groß, dass wir uns klein machen, leiden oder uns in Jobs quälen, die wir hassen. Gott wird dort verherrlicht, wo wir vollkommen lebendig sind. Wo der Mensch ganz Mensch ist.

​Wenn man in seinem Element ist, wenn man in Resonanz mit seiner Bestimmung und seinen Mitmenschen lebt, dann tritt man aus der mühsamen, chronologischen Zeit (dem Chronos) heraus und betritt den erfüllten Augenblick (den Kairos).

​Der Theologe Dietrich Bonhoeffer (1906–1945), der im Widerstand gegen Hitler sein Leben ließ, warnte immer davor, Gott nur im „Jenseits“ oder in der frommen Nische zu suchen. Für ihn war klar:

„Gott ist mitten in unserem Leben jenseitig.“

(Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung)

​Das bedeutet: Ein Berufswechsel, die Entscheidung für das „Menschsein“, ist ein zutiefst geistlicher Akt. Gott findet man mitten im Leben – oft genau dort, wo wir mit anderen Menschen arbeiten und leben.

​Ein Aufruf an euch

​Vielleicht steht ihr gerade am Anfang. Ihr seid zwischen 16 und 30 Jahre alt. Vielleicht fühlt ihr euch in der Ausbildung, im Studium oder im ersten Job wie in der „Sklaverei“, von der die Geschichte erzählt.

​Lasst euch von Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) (1927–2022) eines gesagt sein, als er sich an die Jugend wandte:

„Die Welt bietet euch Bequemlichkeit. Aber ihr seid nicht für die Bequemlichkeit gemacht, sondern für das Große.“

(Benedikt XVI., Ansprache an deutsche Pilger, 2005)

​Das „Große“ ist nicht unbedingt Ruhm oder Reichtum auf Instagram. Das „Große“ ist der Mut, den Exodus zu wagen, wenn man merkt, dass die Seele stirbt. Es ist der Mut, dorthin zu gehen, wo man Mensch sein kann.

​Denn wenn ihr das tut, passiert das Wunder: Die Zeit verliert ihre Schwere. Die Jahre werden leicht. Und am Ende, wenn ihr zurückblickt, werdet ihr nicht sagen müssen: „Ich habe funktioniert“, sondern ihr werdet sagen können: „Gelobt sei Gott.“

​Was könnt ihr heute tun?

​Überprüft eure aktuelle Situation (Ausbildung, Job, Studium). Fühlt es sich an wie eine Ewigkeit (Sklaverei) oder wie ein Wimpernschlag (Lebendigkeit)? Wenn es ersteres ist: Erinnert euch daran, dass Gott der Gott des Exodus ist. Bittet um die richtigen Gedanken für den ersten Schritt in die Freiheit.


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Kommentare

Eine Antwort zu „4 Jahre Ewigkeit, 15 Jahre ein Hauch“

  1. oh ja, ich kenn die ewigen fünf Minuten nur zu gut.

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