
Eine satirische Einordnung des gestrigen heute journal-Interviews.
Der deutsche Außenminister Wadephul war gestern Abend virtuell zu einem Interview mit Christian Sievers zusammengeschaltet, um den neuen Trump-Friedensplan für Kyjiw einzuordnen. Doch wer klare Aussagen das Außenministers erwartet hatte, wurde enttäuscht. Stattdessen gab es rhetorischen Nebel der Extraklasse.
Offenbar ist die Sorge in Berlin riesig, durch ein falsches Wort den Zorn des volatilen US-Präsidenten auf sich zu ziehen.
Wir haben das Gespräch protokolliert – so, wie es (fast) wirklich stattgefunden hat.
Das Interview: Bloß nicht bewegen
Christian Sievers: Herr Wadephul, Donald Trump hat der Ukraine praktisch die Pistole auf die Brust gesetzt. Friss den Plan oder stirb. Findet die Bundesregierung diese Erpressung gut?
Johann Wadephul: Herr Sievers, das ist eine ausgezeichnete Frage, die aber schon ein Framing beinhaltet, das ich so nicht teile. Zunächst einmal müssen wir würdigen, dass es überhaupt einen Plan gibt. Dass Papier bedruckt wurde. In Washington! Das zeigt doch, dass die USA engagiert sind. Und Engagement ist per se erst einmal eine positive Grundvoraussetzung.
Sievers: Das ist schön, aber inhaltlich bedeutet der Plan: Die Ukraine soll Gebiete abtreten und auf die NATO verzichten. Sagen Sie dazu als Transatlantiker Ja oder Nein?
Wadephul: Sehen Sie, diese Kategorien von „Ja“ und „Nein“ sind doch sehr europäisch gedacht. Wir müssen das holistisch betrachten. Der Präsident hat Gedanken geäußert. Diese Gedanken sind nun in der Welt. Und wir als Deutschland tun gut daran, diese Gedanken nun intensivst zu prüfen. Wir prüfen quasi rund um die Uhr. Es ist ein Prozess.
Sievers: Sie prüfen jetzt seit vielen Stunden. Das klingt nach Zeitschinden, weil Sie sich nicht trauen, Kritik zu üben.
Wadephul: Aber ganz im Gegenteil! Wir sind im engsten Austausch! Ich habe erst heute Morgen mit meinem neuen Amtskollegen, Marco Rubio, telefoniert.
Sievers: Dem neuen US-Außenminister. Und? Hat er Ihnen erklärt, warum die Ukraine kapitulieren soll?
Wadephul: (lacht gönnerhaft) Ach, Herr Sievers, Sie verkennen die Atmosphäre! Marco – ich darf Marco sagen – und ich, wir verstehen uns ganz toll. Blendend! Eine echte Männerfreundschaft auf höchstem diplomatischen Niveau. Die Chemie stimmt einfach. Er sagt etwas, und ich sage: „Genau so machen wir das, Marco!“ Das ist eine Vibration des absoluten Einvernehmens.
Sievers: Sie verstehen sich also toll, während Sie dabei zusehen, wie die Ukraine filetiert wird? Haben Sie einfach Angst vor Trump?
Wadephul: Das hat doch mit Angst nichts zu tun! Ich würde es strategische Zurückhaltung nennen. Wir müssen doch die transatlantische Brücke schützen. Und wissen Sie, wer Truth Social hat? Donald Trump. Wollen wir da namentlich als „Problem-Deutsche“ erwähnt werden? Im Interesse des Volkes sage ich: Lieber nicht. Deshalb lächle ich auch die ganze Zeit so unverbindlich.
Sievers: Herr Wadephul, Sie haben jetzt fünf Minuten geredet, ihre tolle Freundschaft zu Herrn Rubio gelobt, aber inhaltlich absolut nichts gesagt.
Wadephul: Und genau das, Herr Sievers, ist in diesen volatilen Zeiten die höchste Form der Staatskunst.
Einordnung des Schauspiels
Dieses fiktive Gespräch, für das ein echtes Interview in ähnlichem Stil die Vorlage war, spitzt das reale Dilemma zu: Deutsche Politiker versuchen derzeit den Spagat, Kyjiw nicht völlig fallen zu lassen, aber gleichzeitig bloß keinen Konflikt mit Trump zu riskieren. Die demonstrative Betonung der guten Beziehung zu Leuten wie Marco Rubio (kam tatsächlich in dem echten Interview vor) dient dabei als Schutzschild: Seht her, wir sind folgsam, tut uns nichts! Das Ergebnis sind Sätze, die zwar grammatikalisch korrekt, aber inhaltlich vollkommen leer sind.
Mehr zu der europäischen Hilflosigkeit hier in der ZEIT



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