
Vom Kaisergrab zur Diktator-Kulisse
In Rom, nahe dem Tiber, steht ein riesiges, rundes Bauwerk, das lange Zeit fast vergessen war: das Mausoleum des Augustus. Es ist weit mehr als nur ein Haufen alter Steine. Es ist ein Zeugnis von imperialer Macht, von Verfall und – was vielleicht am spannendsten ist – von propagandistischem Missbrauch durch einen Diktator des 20. Jahrhunderts.
Was war das Ding überhaupt?
Das Mausoleum wurde von Kaiser Augustus (dem ersten echten Kaiser Roms) schon 28 v. Chr. in Auftrag gegeben. Er war gerade von seinem Sieg in Ägypten (über Antonius und Kleopatra) zurückgekehrt und wollte der Welt zeigen, wer der Boss ist.
Ein Grabmal dieser Größe war eine reine Machtdemonstration. Es war das größte runde Grabmal der Antike und sollte seine Dynastie begründen. Hier wurden nicht nur Augustus selbst, sondern auch seine Frau Livia, sein Neffe Marcellus und spätere Kaiser wie Tiberius und Claudius beigesetzt.
Doch nach dem Fall Roms verfiel das Ding. Im Mittelalter wurde es zur Festung umgebaut, später war es ein hängender Garten, eine Arena für Stierkämpfe und im frühen 20. Jahrhundert sogar ein riesiger Konzertsaal (das „Auditorio Augusteo“).
Enter Mussolini: Der „neue Augustus“
Knapp 1900 Jahre nach Augustus kam in Italien Benito Mussolini an die Macht. Der „Duce“ war der Begründer des Faschismus und hatte eine absolute Obsession: Er wollte das Römische Reich wiederherstellen.
Und wer war sein großes Vorbild? Natürlich Augustus. Mussolini sah sich selbst als den „neuen Augustus“, der Italien (ähnlich wie Augustus das vom Bürgerkrieg zerrüttete Rom) „retten“ und zu neuer Größe führen würde.
Um diese Verbindung klarzumachen, startete Mussolini ein gigantisches städtebauliches Projekt. Er ließ die gesamten mittelalterlichen Wohnviertel, die sich über Jahrhunderte um das Mausoleum angesiedelt hatten, brutal abreißen.
Sein Ziel: Das Grabmal sollte isoliert und monumental dastehen. Er schuf drumherum einen neuen, sterilen Platz, die Piazza Augusto Imperatore, umrahmt von rationalistischer faschistischer Architektur. Das Mausoleum war jetzt keine Ruine mehr, sondern eine Propaganda-Bühne. Es sollte jedem zeigen: Der Faschismus ist der direkte und logische Erbe der imperialen Größe Roms.
Der Diktatoren-Trick: Geschichte als Waffe (Mussolini & Putin)
Das, was Mussolini tat, ist ein klassischer Propaganda-Move: die Instrumentalisierung der Geschichte. Diktatoren und autoritäre Herrscher lieben es, sich mit einer glorreichen (und oft verdrehten) Vergangenheit zu schmücken. Sie tun dies, um ihre eigene Herrschaft zu legitimieren und ihre Kriege als „historisch notwendig“ zu verkaufen.
Und hier sehen wir eine beunruhigende Parallele zu Wladimir Putin heute.
Putin benutzt zwar nicht Augustus, aber er wendet exakt dieselbe Taktik an. Er missbraucht die Geschichte für seine neo-imperiale Agenda.
- Mussolinis Held = Augustus. Er nutzte die römische Antike, um seine imperialen Träume (z.B. die Eroberung Libyens und Äthiopiens) als „Wiederherstellung“ des Imperium Romanum zu rechtfertigen.
- Putins Helden = Peter der Große & die Kyjiwer Rus. Putin rechtfertigt seinen brutalen Angriffskrieg gegen die Ukraine mit ähnlichen Verdrehungen.
- Er beruft sich oft auf Peter den Großen, den Zaren, der Russland zur europäischen Großmacht machte und Gebiete eroberte (genau das, was Putin heute imitiert).
- Noch wichtiger: Er benutzt die Geschichte der Kyjiwer Rus (eines mittelalterlichen Reiches), um fälschlicherweise zu behaupten, Russen und Ukrainer seien „ein Volk“. Damit spricht er der Ukraine ihr eigenes Existenzrecht ab und stellt seinen Krieg als „Wiedervereinigung“ alter russischer Gebiete dar – obwohl Kyjiw die Hauptstadt eines souveränen Staates ist.
- Gleichzeitig benutzt Putin den Sieg der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg („Großer Vaterländischer Krieg“), um seine Gegner pauschal als „Nazis“ zu diffamieren und seinen Krieg als „Entnazifizierung“ zu tarnen.
Sowohl Mussolini als auch Putin nutzen eine selektive und verdrehte Version der Geschichte als Waffe. Sie wollen damit ihre Macht festigen und brutale Aggression als historische Notwendigkeit darstellen.
Das Augustusmausoleum, das heute nach langer Restaurierung wieder für Besucher geöffnet ist, ist also nicht nur ein altes Grab. Es ist ein Mahnmal dafür, wie gefährlich es ist, wenn Politiker anfangen, die „glorreiche Vergangenheit“ zu beschwören, um ihre rücksichtslose Gegenwart zu rechtfertigen.



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