The final curtain? The show must go on

Wir kennen das Gefühl, oder? Man steht auf der großen Bühne des Lebens, die Lichter sind an, das Publikum – unsere Freunde, unsere Familie – ist da. Man hat gerade die Schule beendet, das Abitur in der Tasche, und die Show fängt gerade erst an. Man fühlt sich unendlich, als hätte man alle Zeit der Welt. Frank Sinatra singt vom „final curtain“, aber das ist etwas für alte Leute, für Filme, für ferne Geschichten. Freddie Mercury brüllt uns entgegen: „The show must go on“, und wir nicken, denn natürlich geht sie weiter. Für uns. Immer.

Aber was passiert, wenn plötzlich, mitten im ersten Akt, für jemanden der Vorhang fällt?

Der erste Riss in der Unendlichkeit

Ich glaube, viele von uns erleben diesen Moment zum ersten Mal kurz nach der Schulzeit. Da ist dieser eine Name aus dem Jahrgang, den man vom Sehen kannte. Man hat sich auf dem Flur gegrüßt, vielleicht mal im Unterricht nebeneinander gesessen. Und dann, nach einer Abi-Feier, nach dem großen Finale der Schulzeit, ist dieser Mensch plötzlich nicht mehr da.

Psychologisch ist das ein brutaler Schock. Es ist der erste Moment, in dem uns klar wird: Das Drehbuch des Lebens hat keine Garantie auf ein langes, glückliches Ende. Die Vorstellung unserer eigenen Unverwundbarkeit bekommt einen tiefen Riss. Der Tod ist nicht mehr nur eine Geschichte aus den Nachrichten oder etwas, das Großeltern passiert. Er ist plötzlich in unserem Alter, in unserer Welt. Er ist real geworden. Wir trauern als Gemeinschaft, aber oft ist es eine abstrakte Trauer. Ein Schock über die Tatsache an sich, weniger ein zutiefst persönlicher Verlust.

Wenn die Namen Gesichter bekommen

Spulen wir vor. Wir sind nicht mehr 18, sondern vielleicht in unseren späten Vierzigern, Fünfzigern. Und die Anrufe oder Nachrichten kommen häufiger.

Plötzlich sind es nicht mehr nur flüchtige Bekannte. Es ist Jimmy, der Typ, der die Partys organisiert hat, der voller Ideen und Tatendrang war, der in die Politik gegangen ist, um wirklich etwas zu bewegen. Der Freund, mit dem man nächtelang per E-Mail über Gott und die Welt diskutiert hat. Und dann besiegt ihn eine Krankheit, gegen die selbst die modernste Medizin machtlos ist. Der Vorhang fällt. Endgültig.

Oder Eva. Eine Frau, die das Leben geliebt hat. Die gereist ist, die Pläne hatte, die noch so viele Seiten in ihrem Lebensbuch füllen wollte. Und dann, aus dem Nichts, eine gesundheitliche Sache, von der niemand wusste. Schnell. Tödlich. Ende der Vorstellung.

Und dann gibt es noch eine andere, vielleicht noch beunruhigendere Art, wie das Stück unterbrochen wird. Ein Freund in unserem Alter hat einen Herzinfarkt. Aber er überlebt. Der Vorhang zuckt, fällt fast, wird aber im letzten Moment wieder hochgerissen. Ein zweiter Akt, eine unerwartete Zugabe. Alle atmen auf. Aber die Erleichterung ist mit einer neuen Angst vermischt. Denn man sieht ihn, und man fragt sich: Hat er es verstanden? Wird er es schaffen, sein Leben so zu ändern, dass er die Zugabe auch wirklich nutzen kann? Doch die Macht der Routine ist gnadenlos. Man sieht, wie der alte Trott, der Stress, die Gewohnheiten, die ihn fast das Leben gekostet hätten, ihn schon wieder fest im Griff haben. Es ist, als würde ein Schauspieler eine tödliche Gefahr auf der Bühne überleben, nur um danach wieder genau an dieselbe gefährliche Stelle zu treten. Das ist fast noch schwerer zu ertragen.

Das ist der Moment, den der Song „Seasons in the Sun“ so herzzerreißend beschreibt: „Goodbye my friend, it’s hard to die, when all the birds are singing in the sky.“ Es ist unfassbar hart zu sterben, wenn das Leben um einen herum in den buntesten Farben pulsiert. Wenn man aus dem Spiel genommen wird, obwohl man so gerne noch mitspielen würde. Aber es ist auch unendlich tragisch, eine zweite Chance zu bekommen und sie vielleicht nicht nutzen zu können, weil die alten Muster stärker sind.

Die großen Fragen, wenn die Musik verstummt

Genau hier, in dieser Stille des Verlusts und der Angst, fangen die großen Fragen an. Die Fragen, die uns nachts wach halten. Warum? Was ist der Sinn von all dem? Wenn ein Leben voller Pläne, Träume und Liebe einfach so enden kann – oder nur um Haaresbreite weitergeht –, wofür machen wir das alles dann überhaupt?

Psychologisch gesehen ist diese Sinnsuche eine ganz natürliche Reaktion auf ein Trauma. Unser Gehirn versucht, eine Ordnung in das Chaos zu bringen, einen Grund für das Unbegreifliche zu finden.

Theologisch gesehen stehen wir an der Schwelle zum Mysterium. Der Glaube gibt hier keine einfachen, schnellen Antworten. Er ist kein Schmerzmittel. Wer das behauptet, hat den Glauben nicht verstanden. Der Glaube ist vielmehr die Hand, die unsere hält, während wir im Dunkeln der Frage ausharren. Er ist die leise Hoffnung, dass der gefallene Vorhang nicht die letzte Szene ist. Er ist das Vertrauen darauf, dass der Regisseur dieses großen Stücks einen Plan hat, auch wenn wir ihn aus unserer Perspektive auf der Bühne absolut nicht verstehen können.

Wir werden das Geheimnis des Sinns zu Lebzeiten wohl nie ganz lüften. Das ist vielleicht die größte Herausforderung des Menschseins. Wir sind, wie es ein Philosoph mal sagte, zur Freiheit verdammt. Wir müssen leben, ohne alle Antworten zu kennen.

Aber vielleicht liegt genau darin auch die größte Chance.

Ja, wir sind verdammt, zu leben. Aber wir dürfen auch leben. Wir sind sogar dazu berufen, zu leben. Und das ist ein Grund für ein leises, aber entschlossenes: Hurra.

Jeder Tag, an dem wir atmen, lieben, lachen, weinen und gestalten können, ist ein Geschenk. Der Tod und die Krankheit unserer Freunde sind eine tragische und schmerzhafte Erinnerung daran, dass dieses Geschenk zerbrechlich ist. Aber sie sind auch ein Weckruf. Ein Ruf, die eigene Show bewusst zu spielen. Die Menschen, die wir lieben, nicht auf später zu vertrösten. Die Träume, die in uns schlummern, nicht für die Rente aufzusparen.

Die Show muss weitergehen. Nicht, weil wir den Schmerz ignorieren, sondern weil wir das Leben ehren. Das Leben derer, die gegangen sind. Und das Leben, das uns noch geschenkt ist.


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