
Die Nachrichtenlage aus dem Gazastreifen ist düster und spitzt sich dramatisch zu. Während das Welternährungsprogramm (WFP) warnt, dass Gaza „am Zerreißpunkt“ steht und eine halbe Million Menschen hungern, hat das israelische Militär eine folgenschwere Entscheidung getroffen: Die täglichen „humanitären Kampfpausen“ für die Stadt Gaza werden ausgesetzt. Die Begründung: Die Stadt gelte nun als „eine gefährliche Kampfzone“. Gleichzeitig bereiten sich Zehntausende Soldaten auf eine ausgeweitete Offensive vor. Internationale Akteure wie UN-Generalsekretär Guterres und sogar Verbündete wie Großbritannien zeigen sich alarmiert. Inmitten dieser Eskalation stellen sich zwei drängende Fragen, die einer genaueren Betrachtung bedürfen.
Die ausgesetzten Pausen: Ein Todesurteil auf Raten?
Die erste und direkteste Frage lautet: Wird das Aussetzen der Kampfpausen die Zahl der zivilen Opfer erhöhen? Die Antwort darauf drängt sich mit erschreckender Klarheit auf: Ja, und zwar mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit.
Diese „taktischen Pausen“ waren mehr als nur eine Geste. Sie waren ein überlebenswichtiges Zeitfenster für Hunderttausende Vertriebene. Ein Fenster, um an die spärlichen Hilfsgüter zu gelangen, die es überhaupt in den Gazastreifen schaffen. Ein Fenster, um für einen kurzen Moment dem direkten Bombardement zu entgehen. Die Chefin des WFP, Cindy McCain, beschreibt die Lage bereits jetzt als katastrophal: „Ich habe Kinder getroffen, die vor Hunger sterben.“
Wenn dieses Zeitfenster geschlossen wird, bedeutet das zweierlei. Erstens wird die Verteilung von Lebensmitteln und Wasser, die ohnehin schon schwierig ist, nahezu unmöglich. Helfer können sich nicht sicher bewegen, und Zivilisten, die versuchen, eine Verteilstelle zu erreichen, geraten ins Kreuzfeuer. Zweitens sind die Menschen permanent in der Kampfzone gefangen. Die Folge ist nicht nur eine Zunahme der Opfer durch direkte Kampfhandlungen, sondern auch durch Hunger, Durst und den Zusammenbruch der medizinischen Versorgung. Die Aussetzung der Pausen ist in der aktuellen, von den UN als Hungersnot eingestuften Lage, kaum anders zu deuten als eine massive Verschärfung der humanitären Katastrophe.
Die Frage der Verantwortung: Wie tragfähig ist das Schutzschild-Argument?
Dies führt zur zweiten, komplexeren Frage: der nach der Verantwortung. Das offizielle israelische Narrativ lautet seit Beginn des Krieges, dass die Hamas für die zivilen Opfer verantwortlich sei, da sie Zivilisten und zivile Infrastruktur als menschliche Schutzschilde missbrauche. Diese Taktik der Hamas ist gut dokumentiert und ein klarer Verstoß gegen das Völkerrecht.
Aber kann dieses Argument die Tötung von Zehntausenden Zivilisten rechtfertigen? Hier wird es heikel. Das humanitäre Völkerrecht kennt das Prinzip der Verhältnismäßigkeit. Selbst wenn ein militärisches Ziel legitim ist (z.B. ein Hamas-Kommandant), muss der Angriff unterbleiben, wenn der zu erwartende „Kollateralschaden“ unter der Zivilbevölkerung in keinem Verhältnis zum militärischen Nutzen steht.
An diesem Punkt wird die Argumentation brüchig. Wenn ganze Stadtviertel zerstört, Krankenhäuser angegriffen und Flüchtlingslager bombardiert werden, ist es extrem schwierig, von Verhältnismäßigkeit zu sprechen. Die Verantwortung ist keine Entweder-oder-Frage. Die Hamas trägt eine schwere Schuld, weil sie diesen Krieg durch ihren barbarischen Angriff vom 7. Oktober 2023 begonnen und weil sie die eigene Bevölkerung zynisch als Deckung missbraucht hat.
Doch das entbindet Israel nicht von seinen völkerrechtlichen Verpflichtungen. Als die militärisch weit überlegene Kraft hat die israelische Armee die Verantwortung, ziviles Leben so weit wie irgend möglich zu schützen. Wenn die Zahl der zivilen Opfer – darunter Tausende von Frauen und Kindern – in die Zehntausende geht und eine Hungersnot bewusst in Kauf genommen oder gar als Waffe eingesetzt wird, wie es 14 Mitgliedstaaten des UN-Sicherheitsrats andeuten, dann kann das Schutzschild-Argument nicht mehr als pauschale Rechtfertigung dienen. Es wird zu einer Ausrede, die die eigene Verantwortung für das immense Leid der Zivilbevölkerung verschleiert.
Letztendlich führt die aktuelle Strategie zu einer Spirale aus Tod und Zerstörung, die langfristig weder den Palästinensern noch der Sicherheit Israels dienen wird.
Quelle: Liveblog: Krieg in Gaza, ZEIT ONLINE, Aktualisiert am 29. August 2025, 14:33 Uhr.



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