
Wer in Berlin Kreuzberg nach Einbruch der Dunkelheit durch bestimmte Straßen schlendert, dem fällt es sofort auf: Das Licht hier ist anders. Es ist wärmer, weicher und irgendwie lebendiger als das oft grelle, kalte Licht moderner LED-Laternen. Was viele nicht wissen: Sie blicken auf ein Stück lebendige Technikgeschichte. Denn in vielen Teilen Kreuzbergs und Berlins verrichten unbeirrt Gaslaternen ihren Dienst, genau wie schon vor über 100 Jahren.
Die Geschichte dieser besonderen Beleuchtung ist eng mit Kreuzberg verwoben. Bereits 1826 entstand an der Gitschiner Straße das erste Gaswerk der Stadt. Von hier aus trat das Gaslicht seinen Siegeszug an und tauchte die Metropole in ein für damalige Verhältnisse revolutionär helles Licht. Die Nächte wurden sicherer und das Stadtleben pulsierte auch nach Sonnenuntergang. Bis heute besitzt Berlin das weltweit größte zusammenhängende Netz an Gaslaternen – ein Freilichtmuseum, das man jede Nacht aufs Neue erleben kann.
Die Laternen selbst, wie die auf den Bildern, sind oft kleine Kunstwerke. Ob die bauchigen Aufsatzleuchten mit ihrem feinen „Glühstrumpf“ im Inneren, der für das charakteristische Leuchten sorgt, oder die eleganten Hängelaternen – sie prägen das nostalgische Stadtbild vieler Kieze. Ihr Licht blendet kaum und schafft eine unvergleichliche Atmosphäre, die viele Anwohner und Besucher lieben.
Doch die Idylle ist bedroht. Seit Jahren wird in Berlin hitzig über die Zukunft der Gasbeleuchtung gestritten. Die einen sehen in ihnen teure und umweltschädliche Relikte, die dringend durch moderne, energieeffiziente Technik ersetzt werden müssen. Die anderen kämpfen leidenschaftlich für den Erhalt dieses einzigartigen Kulturerbes. Es ist ein Kampf zwischen Modernisierung und Nostalgie, zwischen Klimaschutz und dem Schutz eines besonderen Stücks Berliner Identität. Und so stellt sich bei jedem abendlichen Spaziergang unter dem sanften Schein die Frage: Wie viele Nächte werden diese glühenden Zeitzeugen die Straßen von Kreuzberg noch erhellen?




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