Wer hat hier wem die Speichen blockiert?

Einem aktuellen Bericht der ZEIT zufolge ist eines der größten Rätsel der jüngeren Geschichte im Grunde gelöst: Die Sprengung der Nord-Stream-Pipelines im September 2022 geht wohl auf das Konto eines ukrainischen Kommandos. Einer der mutmaßlichen Täter sitzt bereits in Italien in Haft, die Identitäten der anderen sind den deutschen Ermittlern bekannt. Was kriminalistisch ein Durchbruch ist, ist politisch ein Albtraum. Denn nun steht Deutschland vor der unangenehmen Wahrheit, dass ein Partnerland, dem man Beistand leistet, für einen Sabotageakt auf ein deutsches Milliardenprojekt verantwortlich sein könnte. Doch die deutsche Betroffenheit über die zerstörten Röhren lenkt von einer viel unbequemeren Frage ab: Welche Rolle spielte Deutschland eigentlich dabei, diesen ganzen Krieg erst möglich zu machen?

Deutschlands „Nie Wieder“ als lukratives Geschäftsmodell

Nach dem Zweiten Weltkrieg baute Deutschland seine gesamte politische Identität auf einem heiligen Schwur auf: „Nie wieder!“. Nie wieder Täter sein, nie wieder Krieg. Aus diesem Grundsatz erwuchs die Doktrin des „Wandels durch Handel“ – eine fast schon poetische Idee, dass man autoritäre Regime durch wirtschaftliche Verflechtung zähmen und zur Demokratie streicheln könne. In Bezug auf Russland wurde diese Doktrin jedoch zu einem gigantischen Feigenblatt, hinter dem sich knallharte Wirtschaftsinteressen versteckten. Man könnte es zynisch als „Wohlstand durch Wegschauen“ bezeichnen.

Während Deutschland seine Energieabhängigkeit von Russland zementierte, ignorierten die Regierungen in Berlin systematisch und mit einer atemberaubenden Arroganz die panischen Warnungen unserer osteuropäischen Partner. Polen, Litauen, Lettland, Estland – sie alle haben eine etwas längere und schmerzhaftere Erfahrung mit russischem Imperialismus. Sie schrien förmlich, dass Putin Energie als Waffe einsetzt und dass Nord Stream 2 keine Wirtschafts-, sondern eine geopolitische Pipeline sei, die nur einem Zweck diene: die Ukraine als Transitland auszuschalten und sie damit schutzlos zu machen. In Berlin tat man diese Warnungen als hysterisches Gekläffe ab. Man wusste es besser.

Der eigentliche Verrat am „Nie wieder!“ fand aber nach 2014 statt. Nachdem Russland völkerrechtswidrig die Krim annektiert und im Donbas einen Krieg vom Zaun gebrochen hatte, tat Deutschland das Unfassbare: Es gab grünes Licht für den Bau von Nord Stream 2. Stellen Sie sich das Signal vor, das damit nach Moskau gesendet wurde: „Ihr könnt euch Teile eures Nachbarlandes einverleiben und einen Krieg beginnen – unsere Geschäfte gehen trotzdem weiter.“ Damit hat Deutschland nicht nur die europäische Solidarität mit Füßen getreten, sondern dem Kreml auch aktiv dabei geholfen, die strategischen Voraussetzungen für die Vollinvasion 2022 zu schaffen. Die Pipeline war die Garantie für Putin, die Ukraine angreifen zu können, ohne den Gashahn nach Westeuropa zudrehen zu müssen.

Und heute? Heute ist die Betroffenheit in Deutschland groß, dass unser Projekt zerstört wurde. Man sorgt sich um die Infrastruktur, während man jahrelang dabei zusah, wie die Sicherheit eines ganzen europäischen Volkes für billiges Gas verhökert wurde.

Dietrich Bonhoeffer und die Ethik der kaputten Röhre

Wie aber bewertet man die Zerstörung der Pipelines moralisch? Ein Blick auf die Ethik des Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer ist hier erhellend. Bonhoeffer, der am Widerstand gegen Hitler beteiligt war, rang mit der Frage, ob ein Christ zum Mörder werden darf, um einen Tyrannen zu stoppen. Seine Antwort war ein radikales Ja zur Verantwortung.

Bonhoeffer argumentierte, dass in einer von Bosheit regierten Welt die abstrakte Einhaltung von Geboten („Du sollst nicht töten“, „Du sollst nicht stehlen“) selbst zur Sünde werden kann. Wenn ein Wahnsinniger mit einem Auto in eine Menschenmenge rast, so Bonhoeffer, dann ist es die Pflicht eines Christen, nicht nur die Opfer zu versorgen, sondern dem Fahrer „in die Speichen zu fallen“ – also den Wahnsinn aktiv zu stoppen, selbst wenn man sich dabei die Hände schmutzig macht und Schuld auf sich lädt.

Übertragen wir das auf Nord Stream 2: Die Pipeline war ein zentraler Teil des Rades, mit dem Putins Kriegsmaschinerie fuhr. Sie füllte die Kriegskasse und war das strategische Werkzeug, um die Ukraine zu isolieren und Europa erpressbar zu machen. Aus Bonhoeffers Sicht wäre die Zerstörung dieser Pipeline daher wohl kein Akt des Vandalismus gewesen, sondern ein Akt ethisch verantwortlichen Handelns. Es war nämlich der Versuch, dem Rad in die Speichen zu fallen, um eine noch größere Katastrophe zu verhindern.

Ein Staatsanwalt muss darin zwar eine Straftat sehen. Ein Ethiker hingegen, der in der Tradition Bonhoeffers denkt, dürfte darin jedoch einen verzweifelten, aber moralisch notwendigen Akt des Widerstands erkennen – einen Akt, der Schuld in Kauf nimmt, um ein monströses Unrecht zu bekämpfen. Ein Unrecht, das durch jahrelange deutsche Russlandpolitik mit zwei zugedrückten Augen erst maßgeblich ermöglicht wurde.

Quelle: „Anschlag auf Nord-Stream-Pipelines: Und jetzt?“, DIE ZEIT Nr. 37/2025, 27. August 2025


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