Europa am Katzentisch?

Es ist ein Gipfel der bangen Hoffnungen in Washington, D.C. Die europäische Polit-Prominenz gibt sich die Klinke in die Hand – vom deutschen Kanzler über den französischen Präsidenten bis hin zum NATO-Generalsekretär. Sie alle sind im Grunde als Begleitschutz für den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj angereist. Die Mission: auf Donald Trump einzuwirken. Man könnte auch sagen: bauchpinseln, beschwören und beten, dass der mächtigste Mann der Welt sie und die Ukraine nicht im Regen stehen lässt.

Die Lage ist brandgefährlich, und das wissen alle. Wenn die USA als größte Militärmacht wackeln, wackelt die ganze Welt. Die Sorge ist konkret: Zieht sich Trump zurück, könnte der russische Angriffskrieg auf die Ukraine nur der erste Akt sein. Europa selbst wäre das nächste Ziel. Nicht heute, nicht morgen, aber vielleicht übermorgen. Ein solches Szenario würde auch China auf den Plan rufen, das sich dann ermutigt fühlen könnte, sich Taiwan einzuverleiben. Die Sicherheitsarchitektur, die wir kennen, würde wie ein Kartenhaus zusammenfallen. Japan und Südkorea wären ebenfalls direkt bedroht. Es geht also um alles.

Und alles hängt an einem Mann, dessen Handlungen als kaum kalkulierbar gelten. Donald Trump genießt die große Bühne sichtlich, spricht von einer „großen Ehre für Amerika“, lässt aber gleichzeitig durchblicken, dass er keine konkreten Ziele hat: „Mal sehen, was dabei herauskommt.“ Das ist genau die Art von Lässigkeit, die in den europäischen Hauptstädten für Schweißausbrüche sorgt. Noch vor dem Treffen setzt er Selenskyj öffentlich unter Druck und stellt klar, dass ein NATO-Beitritt der Ukraine für ihn vom Tisch ist. Er malt das Bild eines schnellen Friedens, den Selenskyj angeblich nur wollen müsse – eine Rhetorik, die die komplexe Realität des Krieges gefährlich vereinfacht.

Während die Diplomatie auf Hochtouren läuft, schafft Russland Fakten auf dem Schlachtfeld. Mit 140 Drohnen und vier Raketen in einer Nacht macht der Kreml unmissverständlich klar, dass er von diplomatischen Bemühungen unbeeindruckt ist. Putin will den Druck aufrechterhalten, Fakten schaffen und Verhandlungen aus einer Position der Stärke führen – oder eben torpedieren.

Die Europäer versuchen verzweifelt, die „Leerstellen“, die Trump hinterlässt, mit ihren eigenen Sicherheitsinteressen zu füllen. Doch ihr Einfluss ist begrenzt. Selenskyj selbst bringt die bittere Wahrheit auf den Punkt: Nur die Stärke Amerikas unter Trump könne Russland zu einem echten Frieden zwingen. Es ist ein gefährliches Spiel mit dem Feuer. Europa ist in der Zwickmühle: Es muss auf einen Partner bauen, der seine eigenen Regeln macht und dessen Aufmerksamkeitsspanne für europäische Sorgen begrenzt sein dürfte. Die Bundesregierung dämpft daher zurecht die Erwartungen. Es geht in Washington nicht um schnelle Friedensabkommen, sondern darum, das allerschlimmste Szenario zu verhindern: den kompletten Rückzug der USA und ein im Stich gelassenes Europa.

Quelle: Liveblog: Ukrainegipfel in Washington, D. C.: Europäer stimmen sich vor dem Gipfel mit Selenskyj ab – ZEIT, 18. August 2025.


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