
Man könnte es wohl so zusammenfassen: Die Nerven der Europäer und der Ukraine liegen blank. Denn letztlich hängt die europäische Sicherheit immer noch stark an der militärischen Macht der USA. Das ist die ungeschminkte Wahrheit, die sich in diesen Stunden in Berlin wieder einmal zeigt.
Stellen Sie sich das mal vor: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj jettet überraschend nach Berlin. Nicht für einen Staatsbesuch mit großem Pomp, sondern um sich in eine Art Krisenzentrale zu setzen. Er sitzt nun direkt neben Bundeskanzler Friedrich Merz im Kanzleramt. Von dort aus nehmen sie an einem virtuellen Gipfel teil, einer Art eilends einberufener Videokonferenz der europäischen Schwergewichte. Mit dabei sind die Chefs aus Frankreich, Großbritannien, Italien, Polen und Finnland, dazu die Spitzen von EU und NATO.
Der Anlass für diese ganze Aufregung? Ein Treffen, das Tausende Kilometer entfernt in Alaska stattfinden soll. Dort wollen sich am Freitag Donald Trump und Wladimir Putin treffen. Und genau davor haben in Kyjiw und den europäischen Hauptstädten alle eine Heidenangst. Die Befürchtung ist so konkret wie alarmierend: Könnte Trump, der unberechenbare Dealmaker, über die Köpfe aller hinweg einen Handel mit Putin abschließen? Vielleicht ein Abkommen, das die Ukraine zwingt, Gebiete an Russland abzutreten, nur um einen vermeintlichen „Frieden“ zu schaffen, den Trump als seinen persönlichen Erfolg verkaufen kann.
Genau das will man in Berlin mit diesem Vorab-Gipfel verhindern. Das Ziel ist es, eine geschlossene europäisch-ukrainische Front zu bilden. Man will Trump eine klare Botschaft senden, bevor er überhaupt in den Flieger nach Alaska steigt. Die Botschaft lautet: Nichts über die Ukraine ohne die Ukraine.
Interessanterweise hat Trump selbst verlauten lassen, er wolle gar kein Abkommen schließen, sondern für Kyjiw Gebiete „zurückgewinnen“. Doch das Vertrauen in solche Aussagen ist in Europa, gelinde gesagt, brüchig. Man erinnert sich nur zu gut an seine früheren Auftritte. Daher dieser Versuch, ihn quasi „einzuhegen“ und ihm die europäischen roten Linien klar aufzuzeigen. Die persönliche Anwesenheit von Selenskyj in Berlin ist dabei ein starkes symbolisches Pfund. Er zeigt: Ich bin kein passives Objekt von Verhandlungen, sondern sitze mit am Tisch der Europäer.
Am Ende des Tages offenbart diese ganze hektische Diplomatie aber vor allem eines: die Abhängigkeit Europas. Trotz aller Reden von „strategischer Autonomie“ sind die Europäer in den entscheidenden Sicherheitsfragen immer noch auf die USA angewiesen. Wenn der US-Präsident mit dem Kremlchef spricht, hält man in Europa den Atem an und versucht, im Vorfeld noch irgendwie Einfluss zu nehmen. Die heutige Schalte aus dem Kanzleramt ist also mehr als nur ein Vorbereitungstreffen. Es ist der Versuch, die Kontrolle über das eigene Schicksal nicht komplett aus der Hand zu geben. Ob es gelingt, wird man erst wissen, wenn aus Alaska weißer Rauch aufsteigt – oder eben nicht.
Quelle: Basierend auf Informationen aus dem Artikel „Wolodymyr Selenskyj kommt zum Ukrainegipfel nach Berlin“, DIE ZEIT, 13. August 2025.



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