Europas Stärke auf dem Prüfstand: Reicht es ohne die USA?

Der Artikel „Im Zweifel stark“ von Michael Thumann in der ZEIT (35/2025) zeichnet ein optimistisches Bild von Europas Stärke. Doch eine Frage brennt seit dem russischen Angriffskrieg und der Rückkehr Donald Trumps ins Weiße Haus unter den Nägeln: Könnte sich Europa gegen einen russischen Angriff auch notfalls ohne die USA effektiv zur Wehr setzen? Analysieren wir die Thesen des Artikels einmal unter diesem knallharten militärischen Gesichtspunkt.

These 1: Europa ist viel stärker, als es denkt.

Auf dem Papier ja, in der Realität kompliziert. Legt man die reinen Zahlen nebeneinander, ist die Sache klar. Die europäischen NATO-Staaten geben zusammen ein Vielfaches von dem aus, was Russland in seine Verteidigung investiert. Sie haben mehr Soldaten, eine modernere Luftwaffe und eine ungleich größere und fortschrittlichere Wirtschaft als Basis. Das Potenzial ist also zweifellos da.

Das Problem ist die Fragmentierung. Diese gewaltige Stärke ist auf rund 30 verschiedene Armeen mit über 170 unterschiedlichen Waffensystemen verteilt. Die USA haben zum Vergleich nur etwa 30. Wir haben unzählige nationale Egoismen, mangelnde Standardisierung bei Munition und Geräten und keine einheitliche militärische Führung. Noch kritischer sind die strategischen Fähigkeitslücken: Ohne die USA fehlt es Europa massiv an Satellitenaufklärung, strategischem Lufttransport für Truppen und Material sowie an Luftbetankung. Wir hätten also zwar viele Soldaten und Panzer, wüssten aber nicht präzise, wo der Feind ist, und hätten größte Mühe, unsere Truppen schnell an die richtige Stelle zu bringen. Das Potenzial ist also da, aber es ist keineswegs uneingeschränkt einsatzbereit.

These 2: Die Sanktionen gegen Russland sind keineswegs wirkungslos.

Volle Zustimmung – und das ist ein entscheidender militärischer Faktor. Die Sanktionen treffen Russlands Rüstungsindustrie ins Mark. Der Kreml kann zwar immer noch riesige Mengen an altem Sowjet-Material aus den Lagern holen, aber die Produktion von modernem, präzisem Kriegsgerät ist massiv eingebrochen. Es fehlt an westlichen Mikrochips, Optiken und Maschinen.

Das bedeutet: In einem direkten Konflikt würde Russland zwar mit einer Masse an Material aufwarten, aber die technologische Qualität wäre der europäischen weit unterlegen. Man sieht das bereits in der Ukraine: Russland verliert Unmengen an Material und muss auf veraltete Panzer und „dumme“ Bomben zurückgreifen. Europas technologische Überlegenheit wäre in einem Krieg ohne die USA einer unserer wichtigsten Trümpfe. Russland kann einen Abnutzungskrieg mit Masse führen, aber einen hochtechnologischen Krieg gegen ganz Europa kann es auf Dauer nicht durchhalten.

These 3: Die Europäer treten ziemlich einig auf.

Politisch vielleicht, aber militärisch ist das die Achillesferse. In einem Kriegsszenario ist Einigkeit nicht verhandelbar und muss sekundenschnell erfolgen. Die politische Realität in der EU ist das genaue Gegenteil. Können wir uns wirklich vorstellen, dass alle 27 Mitgliedsstaaten einstimmig und ohne Zögern einer Beistandspflicht nachkommen, wenn Russland beispielsweise eine hybride Attacke auf das Baltikum startet?

Die Gefahr ist riesig, dass Putin genau diese politische Uneinigkeit und Langsamkeit ausnutzen würde, um einen Keil in die EU zu treiben und vollendete Tatsachen zu schaffen, bevor in Brüssel überhaupt eine Entscheidung getroffen ist. Ohne eine integrierte Kommandostruktur und den klaren politischen Willen, sie auch zu nutzen, bleibt die militärische Zusammenarbeit ein Schönwetterprojekt. Im Ernstfall wäre diese Zögerlichkeit potenziell tödlich.

These 4: Trump und Putin können nicht aus eigener Macht über Europas Schicksal entscheiden.

Bedingte Zustimmung. Politisch stimmt das, wie im ersten Artikel dargelegt. Aber der militärische Rückzug der USA, der durch Trump symbolisiert wird, ist ja gerade die Voraussetzung für unsere Frage. Dieser Rückzug würde Europas Schicksal fundamental verändern.

Ohne den amerikanischen Atomschirm und die konventionellen US-Streitkräfte in Europa wäre die Abschreckung gegenüber Russland massiv geschwächt. Putin könnte zu dem Schluss kommen, dass ein Angriff auf ein NATO-Land ein kalkulierbares Risiko ist, wenn die USA nicht eingreifen. Europa wäre dann auf sich allein gestellt und müsste beweisen, dass es dem standhalten kann. Putin kann Europa also keinen Frieden oder eine Nachkriegsordnung aufzwingen, aber er könnte Europa in einen Krieg zwingen, den es alleine führen muss. Und das ist eine völlig neue strategische Realität.

These 5: Europa liefert die Waffen und wird den Wiederaufbau leisten.

Zustimmung, und das ist der größte Hoffnungsschimmer. Der Krieg in der Ukraine hat als brutaler Weckruf fungiert. Die europäische Rüstungsindustrie, die jahrzehntelang im Friedensmodus lief, fährt ihre Produktion hoch.

Das zeigt: Wenn der politische Wille da ist, kann Europa liefern. Wir lernen gerade wieder, was industrielle Mobilisierung bedeutet. Die entscheidende Frage ist, ob dieser Prozess schnell genug ist, um die Lücken zu füllen, die die USA hinterlassen würden. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Europa ist auf dem richtigen Weg, aber es ist ein Marathon und kein Sprint.

Quelle: Thumann, Michael. „EU im Ukrainekrieg: Im Zweifel stark.“ DIE ZEIT, Nr. 35/2025, 13. August 2025.


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