Microlino: Coole Kugel oder fahrlässiges Risiko ?

Eine Gewissensfrage

Man muss schon zugeben, der Microlino ist ein Phänomen. Knuffig, elektrisch und perfekt für die engste Parklücke, erobert die kleine Knutschkugel die Herzen der Großstädter. Wer damit durch die Straßen rollt, erntet mehr Lächeln als mit fast jedem anderen Fahrzeug. Die Idee, die ikonische Isetta in die moderne Elektrowelt zu überführen, ist zweifellos charmant. Man möchte sofort einsteigen und lautlos durch die Gassen surren. Doch unweigerlich stellt sich ein Gedanke ein, der über den reinen Fahrspaß hinausgeht: Wie sicher ist dieses Gefährt eigentlich, wo doch die Knautschzone offensichtlich fehlt?

Die Antwort darauf ist so einfach wie beunruhigend: Es gibt praktisch keine, zumindest nicht im herkömmlichen Sinne. Genau hier beginnt die komplexe Debatte und es stellt sich die Frage, ob man es vor sich selbst verantworten kann, ein solches Fahrzeug zu führen.

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Stahlzelle statt Knautschzone: Das Sicherheitsversprechen

Seitens des Herstellers wird die Sicherheit anders definiert. Anstelle einer verformbaren Frontpartie setzt das Konzept auf maximalen Insassenschutz durch eine hochfeste Fahrgastzelle. Im Gegensatz zu vielen anderen Leichtmobilen mit einfachen Gitterrohrrahmen besitzt der Microlino eine selbsttragende Karosserie aus Stahl und Aluminium. Diese bildet eine stabile Sicherheitszelle um die Passagiere. Ergänzt wird dies durch gezielte Aufprallelemente vorne und hinten sowie obligatorische Dreipunktgurte.

Im Vergleich zur historischen Isetta, die ihre Insassen kaum mehr als vor dem Wetter schützte, ist das ein technischer Quantensprung. Aber – und dieses Aber wiegt schwer – die Maßstäbe von heute sind fundamental andere.

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Die harte Wahrheit: L7e ist nicht Pkw

Ein entscheidender Punkt, der oft übersehen wird, ist die Fahrzeugklasse des Microlino: L7e. Hinter diesem technischen Kürzel verbirgt sich eine Welt mit deutlich niedrigeren Sicherheitsanforderungen. Für diese Kategorie sind weder Airbags noch moderne Lebensretter wie ein Antiblockiersystem (ABS) oder ein Elektronisches Stabilitätsprogramm (ESP) gesetzlich vorgeschrieben. Der Microlino hat diese Systeme konsequenterweise auch nicht an Bord.

Er mag die vorgeschriebenen Zulassungstests bestehen, doch die Realität des Straßenverkehrs ist unerbittlich. Dort trifft die kleine 600-Kilo-Kugel im schlimmsten Fall auf einen zwei Tonnen schweren SUV. Experten von Automobilclubs wie dem ADAC oder der Unfallforschung der Versicherer äußern daher immer wieder ihre Bedenken gegenüber den bauartbedingten Risiken der gesamten L7e-Klasse.

Besonders konkret wurden diese Bedenken im Test der Fachzeitschrift „Auto Zeitung“: Eine Vollbremsung aus der Höchstgeschwindigkeit von 90 km/h provozierte ein alarmierendes Fahrverhalten. Das Heck des Fahrzeugs hob ab, es geriet ins Schlingern und balancierte kurzzeitig nur noch auf den Vorderrädern, was beinahe zu einem Überschlag geführt hätte. Auch wenn der Hersteller von einem Einzelfall mit einem technisch nicht einwandfreien Testwagen spricht, bleibt dieses Ergebnis eine ernstzunehmende Warnung.

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Die ethische Gretchenfrage: Darf man dieses Risiko eingehen?

Hier schließt sich der Kreis zur persönlichen Verantwortung. Kann man es vor sich selbst rechtfertigen, in ein Fahrzeug zu steigen, das im urbanen Alltag zwar Freude bereitet, bei einem ernsten Unfall aber nachweislich schlechter schützt als jeder gewöhnliche Kleinwagen?

Auf der einen Seite steht das Argument der persönlichen Freiheit. Erwachsene Menschen sollten fähig sein, Risiken abzuwägen und bewusste Entscheidungen zu treffen. Wer den Microlino nur für kurze Strecken in der Tempo-30-Zone nutzt, Hauptverkehrsstraßen meidet und extrem vorausschauend fährt, mag das Risiko für sich als kalkulierbar einstufen. Der Gewinn an Effizienz und Lebensqualität rechtfertigt in dieser Sichtweise die bewusste Entscheidung gegen maximale Sicherheit.

Auf der anderen Seite steht die Verantwortung für die eigene Unversehrtheit. Was ist, wenn der Unfall nicht selbst verschuldet ist? Ein Moment der Unachtsamkeit eines anderen Verkehrsteilnehmers genügt. Würde man sich in diesem Moment nicht wünschen, in einem Auto mit Airbags und Knautschzone zu sitzen? Es geht hier nicht um Blechschäden, sondern potenziell um schwere Verletzungen, die in einem konventionellen Fahrzeug vielleicht glimpflicher ausgegangen wären. Diese Verantwortung trägt man nicht nur für sich, sondern indirekt auch für das eigene soziale Umfeld.

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Wie soll man das also einschätzen?

Der Microlino ist ein faszinierendes Nischenfahrzeug. Er ist objektiv sicherer als ein Fahrrad, ein E-Scooter oder sein historisches Vorbild. Gleichzeitig ist er aber auch objektiv unsicherer als jedes moderne Standardauto.

Die Entscheidung für oder gegen ihn ist daher weniger eine rein technische, sondern vielmehr eine zutiefst persönliche und philosophische. Sie erfordert eine ehrliche Auseinandersetzung mit der eigenen Risikobereitschaft. Wer sich für den Microlino entscheidet, tauscht bewusst ein erhebliches Maß an passiver Sicherheit gegen Stil, Effizienz und ein einzigartiges Fahrgefühl. Man kann diese Entscheidung treffen, aber man sollte die Frage, ob man sie verantworten kann, vorher schonungslos ehrlich für sich selbst beantwortet haben.


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