Schlaflose Tinte


Das Neon-Auge der Schreibtischlampe, ein einsamer Leuchtturm
in der samtenen See der Nacht.
Ringsum Stille, nur das leise Summen des Kühlschranks,
ein ferner Walgesang aus einer anderen Welt.
Alles schläft.
Die Stadt, ein ruhender Riese unter sternenbestickter Decke.
Meine Gedanken, verhedderte Fäden auf einer übervollen Spule,
die Finger, schwer wie Anker, tanzen bleiern über die Tastatur.
Jeder Anschlag ein Tropfen, der den Ozean der Unerledigten speist.
Die Buchstaben verschwimmen zu Hieroglyphen einer vergessenen Zivilisation,
die Zivilisation der Wachgebliebenen.
Und ich, ein Kapitän auf sinkendem Schiff,
die Müdigkeit eine kalte Welle, die unaufhaltsam steigt,
erst die Füße, dann die Knie, nun die Brust.
Bald der Kopf, getaucht in den süßen, schweren Schlaf.
Nur sie, die Arbeit, sie atmet noch.
Ein unermüdlicher Puls im Herzen der Finsternis.
Ihre Konturen scharf gezeichnet im Dämmerlicht des Monitors,
ein stummer Monolith, der meine Erschöpfung überdauert.
Sie schläft nie, wartet geduldig
auf den ersten Sonnenstrahl, auf den nächsten Funken meines Geistes.
Ein ewiger Schatten an meiner Seite.


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Kommentare

2 Kommentare zu „Schlaflose Tinte“

  1. Das ist aber schön, poetisch und atmosphärisch. 😊 Gefällt mir sehr! 💕

  2. Danke dir 😚

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