Können grausamste Diktatoren in den Himmel kommen?

Über die unbegrenzte Liebe Gottes und das Paradox ewiger Reue


1. Einleitung

Die Frage, ob ein Diktator – jemand, der nachweislich schreckliche Gräueltaten begangen hat und viele Menschen in den Tod schickte – dennoch in den „Himmel“ kommen kann, berührt zentrale Elemente des Glaubens und der Theologie: den Begriff der Gerechtigkeit, das Ausmaß göttlicher Liebe und Barmherzigkeit sowie das Verständnis der menschlichen Seele und ihrer Rückkehr zu Gott. Dieser Artikel unternimmt den Versuch, verschiedene theologische Standpunkte und philosophische Überlegungen (insbesondere der antiken Stoa) aufzuzeigen und zu vereinen. Dabei soll gezeigt werden, wie die unbegrenzte Liebe Gottes einerseits alles umfassen kann und andererseits dennoch einen Raum für „ewige Hölle“ in Form von Reue und Selbsterkenntnis bereithält.


2. Die unbegrenzte Liebe Gottes

Im Zentrum vieler Religionen – und ganz besonders des Christentums – steht die Auffassung, dass Gott die Liebe ist (vgl. 1 Joh 4,16). Diese Liebe gilt nach traditioneller Auffassung allen Geschöpfen, bedingungslos und ohne Vorbehalt. Sie lässt sich nicht messen, begrenzen oder verringern. Oft wird die Analogie zur elterlichen Liebe herangezogen: Ein Kind mag auf Abwege geraten oder anderen Schreckliches antun, die Liebe der Mutter bzw. des Vaters kann jedoch – zumindest idealtypisch – dennoch ungebrochen bestehen.

2.1 Die Provokation der Allversöhnung

Schon früh in der Kirchengeschichte wurde die Vorstellung diskutiert, dass Gottes Liebe so groß sei, dass letztlich alle Menschen am Ende erlöst werden könnten. Diese Idee wird oft als „Allversöhnung“ oder „Apokatastasis“ (u. a. bei Origenes) bezeichnet. In der Tat stellt sich hier für viele Gläubige das Problem der Gerechtigkeit: Ist es gerecht, dass Massenmörder, Diktatoren oder andere grausame Menschen einfach so „davonkommen“? Verliert das Konzept der göttlichen Gerechtigkeit nicht an Gewicht, wenn man jedem – selbst dem brutalsten Verbrecher – Zugang zur göttlichen Liebe nicht verwehren darf?


3. Die stoische Vorstellung der Seele

Die antiken Stoiker lehrten, dass die menschliche Seele ein Funken des „Weltlogos“ sei – ein Teil der göttlichen Ratio oder des göttlichen Prinzips, das den Kosmos ordnet. Bei der Geburt werde die Seele in einen Körper „eingegossen“, und sie bleibe dort, bis der physische Tod eintrete. Nach dem Tod kehre die Seele – gereinigt oder auch nicht – in die göttliche All-Seele zurück, aus der sie ursprünglich hervorgegangen sei.

Die entscheidende Frage ist hierbei, wie die individuelle Biografie – also alles, was ein Mensch an Gutem und Bösem vollbracht hat – in diese Rückkehr hineinspielt. Geht man davon aus, dass jede einzelne Seele einen „Abdruck“ oder eine eigene Prägung mit sich führt, könnte sie im göttlichen Ganzen zwar „eingebettet“ sein, dort aber weiterhin wissend und fühlend bleiben.


4. Das Paradox von Himmel und Hölle zugleich

4.1 Angenommenwerden in Gottes Liebe

Führt man die oben genannte stoische Perspektive mit dem Glauben an die unbegrenzte Liebe Gottes zusammen, ergäbe sich ein spannendes Paradox: Auch der schlimmste Diktator würde nach seinem Tod von Gottes Liebe umfasst und angenommen werden. Nichts könnte außerhalb dieser Liebe stehen. In diesem Sinne wäre das Erleben der göttlichen Gegenwart für jede Seele eine Art „Himmel“, ein Zurückkommen zu einem Ursprung, der alles durchdringt und einen unendlichen Frieden verströmt.

4.2 Die ewige Reue als Hölle

Auf der anderen Seite bedeutet dieses Angenommensein jedoch nicht, dass die individuelle Geschichte bedeutungslos würde. Der Diktator – beispielhaft Putin, Stalin, Hitler oder andere – müsste mit seiner eigenen Biografie in der göttlichen Präsenz fortbestehen. Das Bewusstsein seiner Taten würde weiterhin in ihm vorhanden sein. Die Erkenntnis, wie viel Leid er verursacht hat, wie viele Leben zerstört wurden, dürfte in der unmittelbaren Gegenwart der reinen Liebe Gottes zu einem Moment tiefster Selbsterkenntnis führen.

Dieses Erkennen könnte ein dauerhafter seelischer Schmerz sein – eine „Hölle“ im Innersten, denn man ist in der Lage, sein eigenes Tun im Licht der vollkommenen Liebe zu betrachten. Die Diskrepanz zwischen Gottes unendlicher Güte und dem Ausmaß der eigenen Grausamkeiten könnte einen Zustand ewiger Reue hervorrufen. Hier liegt die Idee, dass Himmel und Hölle kein voneinander getrennter Ort sein müssen, sondern ein und derselbe „Zustand“ – nur erlebt mit völlig unterschiedlicher Perspektive.


5. Gerechtigkeit und die Rolle des freien Willens

Der Gedanke eines gleichzeitigen Himmels und einer gleichzeitigen Hölle ist jedoch schwierig, wenn man aus klassisch-christlicher Sicht die Gerechtigkeitsfrage stellt: Sollten wir nicht erwarten, dass Verbrecher, die keinerlei Reue zeigten und ihre Macht missbrauchten, von Gott ferngehalten werden? Hier spielt der freie Wille eine zentrale Rolle. Niemand – so besagt es ein alter theologischer Grundsatz – wird gegen seinen Willen gerettet. Wer sich der göttlichen Liebe verschließt und im Herzen verhärtet bleibt, kann diese Liebe als quälende Nähe empfinden, die für ihn zur Hölle wird. Andersherum kann gerade die Allmacht der Liebe Gottes bedeuten, dass selbst der Verstockteste irgendwann die Wahrheit seines Tuns erkennt, was eine tiefgreifende Reue hervorruft.


6. Ein ewiges Ringen in Gottes Liebe

Die Vorstellung, dass ein Diktator wie Putin „in den Himmel“ kommen könnte, ist im Lichte einer Theologie der Allversöhnung zwar möglich, wirft aber immer die Frage nach der Gerechtigkeit auf. Gerade die Stoiker bieten eine interessante Perspektive an: Wenn die Seele wirklich unauflöslich mit ihrem individuellen Tun verbunden bleibt und nach dem Tod in die göttliche All-Seele zurückkehrt, dann ist einerseits nichts ausgeschlossen von der göttlichen Liebe – und andererseits alles eingeschlossen, auch die Opfer und das Leid. Das Erleben dieser Diskrepanz zwischen göttlichem Frieden und eigener Schuld kann für den Täter zum nie endenden Schmerz werden.

So betrachtet, ist „Himmel“ das Wieder-Eins-Werden mit Gott, dem eigentlichen Urgrund allen Seins, und „Hölle“ das unausweichliche Bewusstwerden des Leids, das man geschaffen hat. In diesem Sinne sind beide Zustände weniger Orte, sondern vielmehr unterschiedliche Weisen, dieselbe göttliche Wirklichkeit zu erfahren. Indem Gott seine Liebe niemandem verweigert, kann für jenen, der großes Unrecht getan hat, diese Liebe zum brennenden Gerichtsspiegel werden. Im Endeffekt schließt dieser Gedanke sowohl die Möglichkeit einer letzten Umarmung durch Gott ein als auch eine ewige, tiefe Reue.

Kurz gesagt: Wenn Gottes Liebe wirklich unbegrenzt ist, kann sie alle einschließen – selbst Diktatoren. Zugleich aber wird diese All-Liebe für jene, die unsägliches Leid angerichtet haben, zum unaufhörlichen Stachel eigener Schuld: Himmel für die einen, Hölle für die anderen – und womöglich beides zugleich für denjenigen, der nach dem irdischen Tod zur Wahrheit seiner eigenen Taten erwacht.


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Kommentare

4 Kommentare zu „Können grausamste Diktatoren in den Himmel kommen?“

  1. @theolounge Wenn Probleme in einem logischen System auftreten, liegt es nicht selten an den Grundannahmen.
    Ein krasses Beispiel ist Deine Auseinandersetzung mit dem _Ort_ von Himmel und Hölle. Wieso sollte es in einer uns prinzipiell nicht erfahrbaren, transzendenten Existenzform so etwas wie Raum und Zeit geben? Nur unsere beschränkten Vorstellungsfähigkeiten sind der Grund für solch vereinfachende Übertragungen. Aus so etwas entstehen endlose Widersprüche.
    Wir sollten das dritte Gebot extrem konsequent auslegen: Jedes unserer Bilder von Gott führt in die Irre.
    So führt auch Deine Überlegung zur "Hölle im Himmel durch schlechtes Gewissen" nur zu einer Verschiebung des Widerspruchs. Denn nach unserem vereifachendem Gottesbild könnte eine unendliche Liebe auch dieses Leid nicht wollen. Jedes Bild von Gott führt zu Widersprüchen!

  2. Danke für deinen Kommentar! Da hast du natürlich recht. Aber ich halte es manchmal gerne mit Karl Barth und seiner dialektischen Theologie:
    1. Wir sind Menschen und als Menschen können wir nicht von Gott sprechen.
    2. Wir Menschen sollen von Gott sprechen.

    Will also heißen, wir machen uns natürlich Gedanken über gewisse Dinge. Ich behaupte auch nicht mit diesem Artikel, dass das alles richtig ist. Es ist ein philosophisch theologischer Artikel, der versucht, Gedanken der Stoa und christliche Gedanken zu kombinieren, um in innerweltlicher Logik (eine andere besitzen wir ja als Menschen nicht) zu überlegen, wie Dinge sein könnten.
    Dass hier angesprochene Problem hängt auch mit dem aus christlicher Sicht ungelösten Theodizee-Problem zusammen: wie kann es sein, dass ein gütiger und allmächtiger Gott das Leid auf der Welt zulässt?
    Und hier kommt dann als nächste. Frage die Frage nach Gottes Gerechtigkeit auf.
    Wenn man versucht, diese Fragen nach innerweltlicher Logik irgendwie zu ordnen, dann kann man sich das beispielsweise so vorstellen, wie in diesem Artikel skizziert.
    Aber unabhängig davon wissen wir natürlich letztlich nicht, wie Gott ist und wie er handelt. Das müssen wir gedanklich immer offen lassen.
    Wir wissen einiges durch seine Selbstoffenbarung durch Jesus, aber dennoch werden wir Menschen Gott nie verstehen können.
    Aber hier sind wir dann wieder bei Karl Barth, wie oben schon erwähnt.

  3. @theolounge Die Fragen zu ordnen ist immer hilfreich. Es sind viele!
    Ich sehe die Theologie und ihre philosophischen Bemühungen von außen, und da fällt mir Schopenhauers Bemerkung ein: "Wohin Denken ohne Expiremtieren führt, hat uns das Mittelalter gezeigt…" Experimente in der Theologie? Dazu unten mehr. Zunächst: Erinnern Dich denn nicht auch all diese Fragen, Probleme und Widersprüche, die Du oben angesprochen hast, auch fatal an das Ptolemäische Weltbild? Eine einzige falsche Grundannahme und es wurde ein Wust an immer komplizierter werdenden Berechnungen notwendig, um die realen Beobachtungen halbwegs zu erklären, je genauer man diese erfasste? Dann der befreiende Schnitt: Das "ICH" (ach so schön gottähnlich) weg aus dem Zentrum der Weltanschauung und die Sonne 'rein, und schon reichten die Kepplerschen Gesetze, die wir auch unseren Kindern erklären können. Und als die Sonne im Zentrum nicht mehr reichte, kamen die nächsten Schritte der Bescheidenheit: Die Sonne sitzt auch nur irgendwo am Rand "unserer" Spiralgalaxie. Und, ach ja, auch die saust da irgendwo lang…

  4. @theolounge Zurück zu Experimenten in der Theologie: ich meine keine naturwissenschaftliche Experimente, die für oder gegen eine Gottesexistenz sprächen – das ist auch so eine Sackgasse. Nein, ich meine Mut zum theologischen Experimentieren: Wir einigen uns auf einige wenige zentrale Axiome: 1) Es gibt Bewußtsein 2) Es gibt Phänomene, die das Bewußtsein wahrnehmen kann, 3) Es gibt komplexe Zusammenhänge zwischen diesen. Und dann setzen wir mal dazu: 4) Gott ist die unendliche Liebe. Jetzt die Probe: Reichen solche Axiome aus, um eine Theologie zu schaffen, die die christliche Botschaft von Jesus abbilden kann? Und brauchen wir wirklich noch mehr dazu z.B. die Allmacht Gottes? Vielleicht brauchen wir stattdessen eine Ohnmacht? Das meine ich mit Experimenten in der Theologie. Ich wäre sehr gespannt auf Ergebnisse!

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