Frieden in der Ukraine? – EKD Ratsvorsitzende Kurschus glaubt, den Krieg theologisch lösen zu können. | Denn ihr Glaube ist groß.

Klar, keiner mag Krieg, jeder mag Frieden. Oder die meisten zumindest mögen den Frieden – mit Ausnahme vielleicht von Putin, der den Krieg grundlos gebracht hat. Insofern ist es natürlich nachvollziehbar, was Frau Kurschus hier fordert:

Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Präses Annette Kurschus, ruft zu Waffenstillstandsgesprächen für die Ukraine auf. „Die Alternative zum gerechten Frieden darf doch nicht endloser Krieg sein. Niemals darf Krieg die Politik ersetzen“, sagte Kurschus in ihrer Predigt am Reformationstag in der Schlosskirche Wittenberg. „Darum: Verachtet Verhandlungen nicht. Glaubt an die Kraft des geistesgegenwärtigen Wortes. Traut den kleinsten Schritten etwas zu.“

An diesem Montag erinnern Protestanten in aller Welt an den Beginn der Reformation im Jahr 1517, als der Augustinermönch Martin Luther in Wittenberg seine 95 Thesen veröffentlichte. 

Quelle Süddeutsche Zeitung

Im Prinzip eine schöne Sache. Man solle miteinander verhandeln und dann zu einem Frieden finden. Dummerweise will Russland seit Kriegsbeginn nicht verhandeln, oder nur in der Art und Weise, dass die Ukraine komplett kapitulieren muss, was dann zugleich eine Diktatur für die Ukraine bedeutet und damit zugleich automatisch auch weiterhin die Todeslisten, nach welchen Menschen, die aus russischer Sicht Dissidenten sind, in der Ukraine dann beseitigt werden. Zudem bedeutet ein derartiger Diktatfrieden weitere russische Gräueltaten. Aber unabhängig davon ist Frieden natürlich immer eine schöne Sache. Wer wünscht sich den Frieden nicht? Sofern man nicht in der Ukraine lebt und von den russischen Gräueltaten betroffen ist, schläft es sich besser, wenn Frieden ist, und sei es ein Diktatfrieden.

Zudem dürfe Russland einen Waffenstillstand natürlich nicht dazu nutzen, um sich militärisch zu sammeln, wieder zu erstarken und dann in einem halben Jahr wieder mit erstarkter Brutalität neu in der Ukraine zuzuschlagen.

Kurschus weiter: „Gott befreit uns davon, perfekte Gerechtigkeit schaffen zu wollen. Wir können’s auch gar nicht. Er befreit uns aber dazu mit dem Suchen anzufangen im Wissen, dass nur Gott selbst sie vollenden kann. Und der erste Schritt ist: Die Waffen müssen schweigen“, sagte die Ratsvorsitzende.

Quelle Süddeutsche Zeitung

Die Waffen müssen Schweigen, das ist natürlich ein ganz toller Satz. Er klingt aber so, als sei er nicht primär an Russland gerichtet, sondern an beide Kriegsparteien gleichermaßen. Deswegen ignoriert der Satz eine ganz wesentliche Thematik: Wenn Russland die Waffen schweigen lässt und sich aus der Ukraine zurückzieht, ist der Krieg augenblicklich zu Ende. Wenn dagegen die Ukraine die Waffen schweigen lässt, gibt es keine Ukraine mehr, dafür aber unzählige Gräueltaten von russischer Seite aus in der Ukraine.

Insofern ja, es ist immer schön, wenn die Waffen schweigen, es sei denn man ist Einwohner der Ukraine. In diesem Fall ist es nur schön, wenn die russischen Waffen schweigen. Wenn aber die ukrainischen Waffen schweigen, dann gute Nacht. Frau Kurschus ignoriert hier ein wenig, mit wem man es im Kreml zu tun hat. Mit jemandem, der Völkerrecht gebrochen hat, auf ganz massive Weise. Jemand, der Völkerrecht bricht, ist ein Verbrecher. Und dieser jemand hat dies in Tschetschenien getan, hat dies in Syrien getan, hat dies 2014 schon in der Ukraine getan und tut dies nun in großen Umfang. Und er ist als Oberbefehlshaber der russischen Streitkräfte natürlich auch verantwortlich für die Vergewaltigungen durch russisches Militär, für die Verschleppungen von Erwachsenen und von Kindern nach Russland, für die Folter an ukrainischen Menschen, für weitere Gräueltaten, für das bewusste Bombardieren von ukrainischer ziviler Infrastruktur im allergrößten Ausmaß. Von daher dürften Gespräche mit dem Urheber all dieser Verbrechen nicht ganz so leicht zu einem Abschluss kommen.

Eine viel realistischere Sicht vertritt der frühere EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber:

Vor einer „friedensethischen Zeitenwende“ sieht der frühere EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber die evangelische Kirche: „Vorrang haben gewaltfreie Mittel. Aber die Alternative zur Gewaltfreiheit ist nicht Nichtstun. Das Gebot ,Du sollst nicht töten‘ schließt mit ein, dass man nicht zuschauen soll, wenn getötet wird, ohne etwas dagegen zu tun“, sagte Huber im Juli.

Quelle Süddeutsche Zeitung

Frau Kurschus hingegen rettet sich ins Theologische und resümiert:

„Gott macht den ewigen Kreisläufen der militärischen Aktionen ein Ende und schafft Ruhe“, sagte Kurschus. „Ein für alle Mal – das ist die Hoffnung.“

Quelle Süddeutsche Zeitung

Das ist natürlich eine schöne Hoffnung und das hatte, wie wir alle aus dem Geschichtsunterricht wissen, ja auch bei Hitler schon so gut geklappt.

Wo Frau Kurschus nun in Wittenberg gesprochen hat in Erinnerung an Martin Luther, an denjenigen, der zunächst den Juden die Hand ausgestreckt hatte, sie mögen doch nun bitte seine Erkenntnisse annehmen und allesamt Christen werden, der dann aber den Antisemitismus seiner Zeit massiv aufgesogen und gegen die Juden polemisiert hatte, der sogar meinte, man solle deren Synagogen niederbrennen, sollte sie vielleicht doch ein bisschen vorsichtiger mit vermeintlich harmlosen theologischen Argumenten umgehen. Gerade der Protestantismus in Deutschland hatte in Bezug auf Hitler kläglich versagt, war er doch seit Luthers Zeiten an das landesherrliche Kirchenregiment gewohnt, war also daran gewohnt, dass der jeweilige Landesherr zugleich auch das kirchliche Oberhaupt war. Und an diese Stelle rutschte dann eben Hitler. Viele Protestanten in Deutschland sind auf dieser Welle mitgeschwommen, viele haben als sogenannte „Deutsche Christen“ den nationalsozialistischen Antisemitismus gefördert und gelebt.

Hitler hatte brutal zunächst Polen überfallen und im geheimen Hitler-Stalin-Pakt Polen unter sich aufgeteilt. Etwas ähnliches schwebt ja Putin derzeit auch vor, er möchte sogenannte Einflusszonen definieren, also Europa aufteilen in Gebiete, in denen er machen kann, was er will. Das Gegenteil von Demokratie. Und übrigens auch das theologische Gegenteil dessen, wie der Mensch nach der Genesis geschaffen ist: Zum Ebenbild Gottes nämlich, also zu einem freien und selbstbestimmten Wesen.

Nun ist es nicht Polen, das überfallen wird, sondern die Ukraine, nun sind es nicht die Juden, die durch einen Genozid ausgelöscht werden sollen, sondern es ist das gesamte ukrainische Volk, das nach Putins Willen dem Genozid durch Russland anheim fallen soll. Zwar ist die Shoa, die industrielle Ermordung von mindestens sechs Millionen Juden durch die Nazis, in ihrer grenzenlosen Grausamkeit ohne Vergleich. Dennoch muss man davon ausgehen, dass Russland in der Ukraine derzeit ebenfalls einen Genozid vollzieht. Selbst, wenn die unendliche Monströsität der Shoa nicht replizierbar ist, bedeutet doch jeder Genozid eine gewaltige Monstrosität.

Vielleicht sollte man deshalb diesbezüglich – und auch im Rückblick auf Luthers Antisemitismus und das protestantische Versagen gegenüber Hitler – Frau Kurschus an die Aussagen der israelischen Premierministerin Golda Meir, geboren in Kyjiw, Ukraine, erinnern, die das Überleben der Juden auf den Punkt brachte:

Wir wollen am Leben bleiben. Unsere Nachbarn wollen uns tot sehen. Das ist keine Frage, die viel Spielraum für Kompromisse lässt.

Quelle jüdische Allgemeine

Lesen Sie auch:

Interview mit Wolfgang Huber: „Alternative zur Gewaltfreiheit ist nicht Nichtstun“

Die Predigt von Frau Kurschus kann man im Wortlaut hier nachlesen.

4 Gedanken zu “Frieden in der Ukraine? – EKD Ratsvorsitzende Kurschus glaubt, den Krieg theologisch lösen zu können. | Denn ihr Glaube ist groß.

  1. Dem kann ich in allem nur zustimmen. Mich lässt diese Aussichtslosigkeit, mit dem Ideal der Friedfertigkeit in diesem Fall nicht weiterzukommen, auch verzweifeln. Es ist aber mehr als bequem, diese furchtbare Realität einfach auszublenden, um sich selbst und seine Ideale nicht überprüfen zu müssen. Übrigens: Auch Putin begründet seinen Angriff auf die Ukraine religiös: Er kämpft gegen den Unglauben, den „Satanismus“ des Westens und wird vom orthodoxen Patriarchen dabei unterstützt…. Wie will Frau Kurschus diese alten fanatischen Männer in ihrem „heiligen Krieg“ mit ihren gut gemeinten Bibelzitaten erreichen?????

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, Frau Kurschus` Wunsch nach Frieden ist natürlich legitim, aber wenn man auf die deutsche Geschichte und Hitler zurückblickt, und es gibt ja Analogien zu Putins Imperialismus, muss man leider feststellen, dass ein starker Glaube allein nicht reichen wird.

      Gefällt 1 Person

  2. Entweder man macht sich die Mühe und betrachtet die Probleme des Menschseins ( und dazu gehört auch das Phänomen des Krieges ) an den Aussagen der Botschaft Jesu oder aber man lässt es einfach bleiben. Gewalt gegen Menschen ist ein Teil unsere menschlichen Wirklichkeit, der sich Jesus bewusst war und der er sich selbst aussetzte. Ohne den Gedanken der Transzendenz, wie Jesus ihn lehrte, ist diese Welt zum Tode verurteilt, ganz unabhängig davon, welche Kriegspartei am Ende „siegen“ mag.
    Es sind und waren immer Menschen, die Menschen Unrecht und Leid zugefügt haben: Der Mensch liegt also mit sich selbst im Streit, das ist der Punkt. Die Einteilung in gerechte und ungerechte Kriege oder Kriegsparteien, versucht diese Realität (nach Kreuzrittermanier) zu verschleiern.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen...(Kommentare, die Links enthalten, müssen auf Freischaltung warten)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..