Christlicher fundamentalistischer Pazifismus

Bis auf die sogenannte Tempelreinigung, bei der Jesus die Händler aus dem Jerusalemer Tempel herauswarf und womöglich doch etwas tatkräftig zugange war, war er pazifistisch.

Dass mit dem Pazifismus der Bergpredigt allerdings kein Staat zu machen ist, verstand schon Martin Luther und verstand auch Dietrich Bonhoeffer. Sie beide entwickelten Konzepte, wie man sich als Staat verhalten müsse, um kein Chaos ausbrechen zu lassen oder das Chaos zu bekämpfen.

Es gibt auch eine längere Geschichte in der Theologie, die der Frage nachgeht, für wen eigentlich die Bergpredigt gedacht ist. Für jeden normalen Bürger oder beispielsweise nur für Mönche?

[…]Die Bergpredigt ist keine Staatslehre, sondern Gewissensunterweisung.

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Die Aussage nun lautet: Du sollst dem Bösen nicht (z.B. selbst) widerstreben. Es steht da nicht: Dem Bösen soll der Staat nicht widerstreben. Da steht auch nicht: Es solle keinen Staat geben (vgl. Mt 22,21). Die Bergpredigt wendet sich in allen ihren Formulierungen zuallererst an den oder die Einzelnen: Die Bergpredigt ist keine Staatslehre, sondern Gewissensunterweisung. Es soll zudem ja nicht einmal nach staatlicher Vorgabe ein Richter, Regent oder Staatsdiener für sich persönlich Böses mit Bösem vergelten oder für sich Rache üben. Er soll nur schlicht das übergeordnete Recht anwenden. Anders als der Einzelne kann und muss allerdings der Staat dies dann ggf. mit Zwangsmitteln auch durchsetzen. […]

Quelle https://www.evangelische-aspekte.de/die-bergpredigt/

Manche Christen nun kennen derlei Erwägungen nicht oder blenden sie aus, wenn sie auf den Pazifismus der Bergpredigt schauen und den Ukrainer*innen raten, sie sollten sich doch einfach Russland ergeben. Wenn Russland einem auf die eine Wange haut, solle man doch auch die andere hinhalten. Wenn Putin die eine Stadt zerstöre, solle man ihn dann auch die andere zerstören lassen?

Und nein, Waffen zur Selbstverteidigung solle man an die Ukraine nicht liefern, das widerspreche doch der Bergpredigt. Das sagen diese Christen aus dem sicheren deutschen Hafen heraus. Sie selber möchte natürlich nicht in einer Diktatur verschwinden, sie nehmen sich auch das Recht der Meinungsfreiheit und der Redefreiheit, für die Ukraine aber räumen sie dieses Recht nicht ein.

Und hier ist man wieder bei dem alten Punkt: Pazifismus funktioniert in demokratischen Rechtsstaaten gut, gegenüber einer imperialistischen Diktatur aber nicht.

Wer dies trotzdem glaubt, ist wohl entweder naiv oder ein Fundamentalist, weil er nur das eigene Weltbild und die eigene theologische Interpretation als die richtige gelten lässt. In diesem Fall also ein pazifistischer Fundamentalist.

Pazifismus ist gut, wenn man ihn selber lebt und für sich selber entscheidet. Wenn man ihn aber anderen Menschen, die eigentlich dringend Hilfe bräuchten, zwangsverordnet, wenn man ihnen also unter dem Deckmantel eines christlichen Pazifismus‘ die Möglichkeit nimmt, sich gegen Angriffe und Räuber zu wehren, ist er problematisch. Mehr als problematisch. Er ist dann pazifistischer Fundamentalismus.

Ein Gedanke zu “Christlicher fundamentalistischer Pazifismus

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