Christliche Ethik und Krieg. Dürfen Christen sich oder andere Menschen verteidigen?

Schaut man auf die Aussagen Jesu, entdeckt man einen radikalen Pazifismus. Er zeigt sich in den sogenannten Seligpreisungen, er zeigt sich in Jesu Gebot der Nächstenliebe, welches er fast ins Unendliche ausweitet bis zum Gebot der Feindesliebe. Man solle auch seine Feinde lieben, wie sich selbst.

An einer einzigen Stelle wird Jesu Verhalten als einigermaßen gewaltsam bezeichnet, bei der sogenannten Tempelreinigung. Jesus wirft die Händler aus dem Vorhof des Tempels raus mit der Begründung, sie hätten eine Räuberhöhle aus dem Haus Gottes gemacht. Ansonsten aber radikaler Pazifismus. Selbst Gott selbst, Jesus, lebt diesen radikalen Pazifismus bis zum Schluss, bis zu seinem Tod, er lässt sich von den Römern ans Kreuz schlagen, ohne seine Allmacht zu zücken und die Römer in die Schranken zu weisen.

Wie schaut es dann aber aus mit dem Krieg? Muss man ihn über sich ergehen lassen, wenn man Christ oder Christin ist?

Vor dieser Problematik standen schon andere Theologen. Martin Luther im 16. Jahrhundert entwarf wegen diesem Problem die sogenannte Zwei-Reiche-Lehre. Er sagte, im Reich der Christen gelten die hohen ethischen Forderungen der Bergpredigt und dementsprechend auch der reine Pazifismus. Unter Christen gibt es dieser Logik nach – optimalerweise – also keine Gewalt, sondern nur die Nächstenliebe und die Feindesliebe, beide motiviert und begründet durch die Gottesliebe, also einerseits die Liebe zu Gott und seinen Geschöpfen, andererseits die Liebe Gottes seinen Geschöpfen gegenüber.

Dann gibt es aber noch das sogenannte Reich der Welt. Im Reich der Welt herrscht die Macht des Schwertes. Luther stellte es sich so vor, dass die Obrigkeit, zu seiner Zeit waren es noch Landesherren, nicht gerade demokratisch, für Recht und Ordnung sorgen mussten, und zwar einfach aus ganz realpolitischen Gründen heraus.

Als Christ lebt man laut Luther in beiden Reichen, im Reich Gottes, welches sich bereits auf dieser Welt hier zeigt und in welchem der Pazifismus der Bergpredigt gilt, aber auch im Reich der Welt, in der eben das Recht und die Gerechtigkeit mit dem Schwert durchgesetzt werden kann und muss. Als Christ kann man nach Luther also durchaus beispielsweise Polizist oder Soldat sein, um so im Reich der Welt und im Auftrag der Obrigkeit, in unserem Sinne heutzutage glücklicherweise im Auftrag der Demokratie und des Rechtsstaats, Recht und Ordnung zu garantieren. Denn der Gedanke ist derjenige der Schöpfungserzählung: Gott schafft aus Chaos Kosmos, Gott schafft aus dem Chaos eine Ordnung. Deshalb, so der Gedanke bei Luther, entspricht die Ordnung Gottes Willen, das Chaos jedoch, welches sich in Krieg und Tod und Verletzung menschlichen Lebens an Leib und Seele äußert, widerspricht Gottes Willen.

Luther war aber nicht der einzige Theologe, der diese Problematik aufgriff. Auch Dietrich Bonhoeffer musste sich zur Zeit der Hitler-Diktatur im 20. Jahrhundert theologisch und ethisch positionieren. Als evangelischer Theologe trat er irgendwann einer geheimen Gruppe bei, die ein Attentat auf Hitler vorbereitete. Diese Gruppe flog noch vor der Durchführung des Attentats auf und Dietrich Bonhoeffer wurde kurz vor Kriegsende im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet.

Aber wie konnte er es rechtfertigen, ein Attentat auf Hitler mit zu planen, wo dies doch augenscheinlich ganz extrem gegen das Gebot, dass man nicht töten dürfe, verstößt?

Bonhoeffer verglich Hitler mit einem verrückt gewordenen Autofahrer, der durch die Stadt raste und einen Menschen nach dem anderen umfuhr und tötete. Bonhoeffer argumentierte, es könne doch nicht die Aufgabe eines Pfarrers sein, diesem grauenvollen Treiben nur zuzusehen und danach zu den Angehörigen zu gehen und ihnen den Trost zuzusprechen.

Bonhoeffer argumentierte weiter, dass er zwar für sich selbst als Christ derartigen Mord und Totschlag an seinem eigenen Körper pazifistisch noch erleiden und hinnehmen könne, wenngleich auch dies der Aufforderung Jesu zur Selbstannahme eigentlich widerspricht, dass er aber dann, wenn Leib und Leben von anderen Menschen gefährdet seien, nicht mehr schweigen und nicht mehr tatenlos zusehen dürfe. Bonhoeffer negierte für sich selber also den Impetus der Selbstannahme, aber er proklamierte die Nächstenliebe für so wichtig, dass er es nicht zulassen dürfe, dass andere Menschen durch einen verrückt gewordenen Autofahrer, in diesem Fall eben Hitler, einer nach dem anderen ermordet werden.

Bonhoeffer war bewusst, dass er einerseits gegen das biblische Tötungsverbot menschlichen Lebens verstieß, indem er sich an der Verschwörung gegen Hitler beteiligte. Andererseits sagte er, dass auch ein unterlassenes Handeln den Tod herbeiführt, in diesem Fall sogar den Tod von tausenden und zehntausenden, vielleicht sogar den Tod von Millionen Menschen.

Deswegen hoffte er darauf, dass Gott ein gütiger Gott ist, wie es schon Paulus und Luther beschrieben, weil sie aufbauten auf dem Gottesbild, das Jesus von Gott vermittelte. Bonhoeffer wusste, dass er im Leben immer schuldig wird, in diesem ganz speziellen Zusammenhang entweder daran, dass er diesen verrückten Autofahrer unzählige Menschen töten lässt, oder dass er selbst, Bonhoeffer, mithilft, diesen verrückten Autofahrer zu töten.

Bonhoeffer hoffte also auf die Gnade Gottes, die durch Jesus offenbar gemacht worden war, in dem Wissen, dass man in manchen Situationen immer schuldig wird, egal, was man tut. Durch unterlassene Hilfeleistung genauso wie durch aktives Handeln.

2 Gedanken zu “Christliche Ethik und Krieg. Dürfen Christen sich oder andere Menschen verteidigen?

  1. Hans-Georg Peitl, Rektor des Instituts für christliche Forschung in Bulgarien sagt:

    Da ich mir nicht vorstellen kann, dass die Jünger Jesu Schwerter zum Fingernägel reinigen nutzen, sehe ich allerdings noch eine ganze Reihe von anderen nicht so parzifistischen Stellen.

    Da ist einmal Petrus, der bei der Verhaftung Jesu mit seinem Schwert einem der Tempeldiener das Ohr abschlägt. Scheinbar ist er also im Schwertkampf durchaus geübt.

    Da ist die Aufforderung Jesu:

    Lk 22,36 Da sprach er zu ihnen: Aber nun, wer einen Geldbeutel hat, der nehme ihn, desgleichen auch eine Tasche, und wer’s nicht hat, verkaufe seinen Mantel und kaufe ein Schwert.

    Und dies alles unter Parzifismus zu deklarieren, tue ich mir ein wenig schwer.

    Nein. Jesus war durchaus, so wie Bonhoeffer bewusst für das Reich Gottes einzutrten.

    Trotz der Aufforderung:

    Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst.

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    1. Die Stelle mit dem Schwertkauf ist vermutlich nicht militärisch gemeint.
      https://theotype.de/warum-schwerter-kaufen/

      Aber dennoch, Dietrich Bonhoeffer und Martin Luther wussten bereits um die Grenzen eines reinen Pazifismus. Dietrich Bonhoeffer sah es so, dass er für sich selbst gegebenenfalls hinnehmen könnte, Gewalt zu erfahren oder Schlimmeres, aber er könne auch als Christ nicht zulassen, dass anderen Menschen Gewalt angetan werde, dann müsse er tätig werden, um andere Menschen vor Gewalt zu schützen, ganz besonders vor dem Ausmaß, in welchem Hitler Gewalt angewendet hatte.

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