Am 9. Juli ist es soweit. Dann stimmt das Europaparlament darüber ab, ob Sie in Zukunft gewissermaßen eine Straftat begehen, wenn Sie ihre selbst geknipsten Urlaubsfotos in sozialen Netzwerken oder auf Blogs teilen.
Man muss hoffen, dass es sich hierbei um eine Art redaktionelles Sommerloch handelt. Bruno Braunbär hat ausgedient, die Panoramafreiheit wird zum neuen Problembären. Aber von einer EU, die die Krümmung von Gurken und Bananen reglementiert, kann man so einiges erwarten.
Um was geht es? Das, was im Europaparlament abgestimmt werden soll, hätte zwar noch keine direkte gesetzliche Wirkung, wäre aber richtungsweisend für die Landesgesetzgebung der EU-Länder, die nämlich vertraglich verpflichtet sind, die Beschlüsse in die Landesgesetzgebung umzusetzen. Demnach müsste man bei jedem Foto, das man knipst, erst den Architekten des sich im Hintergrund befindenden Bauwerkes um Erlaubnis für die Veröffentlichung des eigenen Bildes bitten.
Zu deutsch, Abmahnanwälten aller Art würde hier Tür und Tor geöffnet, dem normalen Bürger dagegen das Grundrecht der Meinungsfreiheit empfindlich eingeschränkt. Denn der normale Bürger dürfte sich nicht mehr äußern, wie bisher. Zur Meinungsfreiheit gehört es meines Erachtens absolut mit dazu, auch selbst geknipste Fotos, die Motive im öffentlichen Raum beinhalten, kommunizieren zu dürfen. Und zwar auch in sozialen Netzwerken wie Facebook, Google Plus und auf Blogs, die eben nicht automatisch nicht-kommerzielle Angebote sind, sondern die Werbung schalten und damit kommerziell sind.
Nehmen wir an, die Bürokraten und Schildbürger im EU-Parlament würden also tatsächlich dafür stimmen, dass diese Richtlinie angenommen wird. Dann wäre vermutlich nicht nur Schluss mit dem Fotografieren öffentlicher Gebäude, sondern man würde in letzter Konsequenz und in nicht allzu ferner Zukunft gewissermaßen auch schon strafbar werden, wenn auf einem Urlaubsfoto ein Auto drauf wäre, beispielsweise ein Audi oder BMW oder Porsche oder Volkswagen, also ein Designobjekt, oder Markenkleidung von einem der auf dem Foto abgebildeten Passanten getragen werden würde, oder im Hintergrund ein Flugzeug der Marke Boeing oder Airbus, ebenfalls Designobjekte, zu sehen wären, oder eine Werbetafel oder vielleicht auch nur ein Gullideckel, der einen Anflug von Design besitzt.
Heutzutage ist es unglaublich schwer, Fotos für Blogs oder Netzwerke überhaupt noch rechtlich sicher verwenden zu können. Der Begründungszusammenhang für diese Richtlinie der EU ist jedoch völlig unklar. Aus welchem Grund sollte es verboten sein, selbst erstellte Fotos in der Art zu verwenden, in der man es möchte?
Ich selber bin irgendwann von der Verwendung sogenannter kostenloser, lizenzfreier Fotos abgekommen, weil es mir rechtlich einfach zu unsicher erschien. Ich habe mir seitdem ein riesiges Archiv an eigenen Fotos zugelegt, es handelt sich mittlerweile um ca 80.000 Stück. Das sind Fotos, die ich selber fotografiert habe, bei denen ich das Motiv selbst ausgewählt habe, die Anordnung der Perspektive, und selbst zu den Motiven gefahren bin. Es soll mir auf einmal nicht mehr erlaubt sein, meine eigenen Fotos in der Art zu verwenden, in der ich es wünsche?
Wie gesagt, der Argumentationszusammenhang ist irgendwo in sich unschlüssig und lückenhaft, vielleicht ist er noch nicht mal wirklich vorhanden. Man dürfe derartige Fotos also nicht kommerziell verwenden. Warum ?
Es ist sehr zu vermuten, dass hinter diesem Vorstoß ein höchst kommerzielles Interesse steht. Nämlich das von Fotografen und der Fotoindustrie. Natürlich könnte dann in Zukunft jeder Privatmann theoretisch auch noch Fotos aller Art machen und auch auf kommerziellen Blogs und in kommerziellen Netzwerken verwenden, es wären aber derart hohe bürokratische und juristische Hürden damit verbunden, dass de facto nur noch ein eingeschränkter Kreis von professionellen Fotografen sämtliche vermeintlichen Rechte abzuklären in der Lage wäre. Zum Centre Pompidou in Paris beispielsweise gäbe es dann nicht mehr Millionen von Fotos, sondern nur noch 100 oder 1000 in etwa. Bei diesen Fotos hätten Fotografen zusammen mit ihren Anwälten zuvor sämtliche vermeintlichen Rechte abgeklärt und könnten sie dann teuer in alle Welt verkaufen. Es geht also letztlich um starke kommerzielle Interessen.
Verglichen mit der Post von früher wäre es so, dass jeder wieder ein graues Posttelefon hätte. Andere Telefone dürfte es nicht mehr geben. Damals hatte die Post das Monopol für Telefone. Bei Fotos wird künftig, sollte der EU-Vorstoß so gebilligt werden, nur noch ein eingeschränkter Kreis von Fotografen und Anwälten das Monopol für kommerzielle Fotos besitzen.
Zusammengefasst:
– 507 Millionen EU-Bürger müssen es ertragen, wenn Architekten und Bauherren den öffentlichen Raum, der ja Allgemeingut ist, nach Ihren Vorstellungen mit Gebäuden zubauen. Einige Bürger müssen tagtäglich an Gebäuden vorbei gehen, ob sie ihnen gefallen oder nicht. Selbst moderne Architektur gefällt beileibe nicht jedem. Da ich selber eine Architektenausbildung besitze und mehrere Jahre als Architekt gearbeitet habe, erlaube ich mir diese Meinung.
– Die 507 Millionen EU-Bürger sollen aber künftig nicht mehr das Recht haben, ihre Meinung zu Gebäuden äußern zu können, und zwar nicht mehr in den weltweit größten Netzwerken. Zur Meinungsäußerung gehört es, besonders bei Gebäuden, diese Gebäude auch auf eigenen Fotos ablichten zu können. Schließlich stehen sie im öffentlichen Raum und sind somit potenziell für jeden der 507 Millionen EU-Bürger sichtbar, potenziell auch für jeden Erdenbürger. Als Meinungsäußerung gilt es bereits, wenn man ein Bild ohne Worte ablichtet. Es befindet sich dann in der Diskussion.
– Dahinter steht ein gigantisches finanzielles Interesse. Fotografen und Anwälte könnten an der neuen EU-Richtlinie, die in Landesgesetze umgesetzt werden muss, gigantische Summen verdienen. Nur noch spezielle und juristisch versierte Fotografen könnten es künftig dann noch wagen, mit Rechtssicherheit Fotos öffentlich zugänglich zu machen. Der normale Bürger hingegen müsste mit hohen Abmahngebühren rechnen.
– Sollte diese EU-Richtlinie am 9. Juli beschlossen werden, wäre das ein verschleierte Angriff auf die Meinungsfreiheit und somit auf eines der Grundrechte, auf das Europa bisher zu Recht stolz war. Europa würde sich dann ändern in einen bürokratischen Vampir, der diktatorische Züge angenommen hat. Bürger dürften dann nur noch daheim mit heruntergelassener Jalousie im Flüsterton ihre Fotos zeigen, wenn man es etwas übertrieben ausdrücken möchte. Das kennt man aus der früheren DDR und aus anderen diktatorischen Regimen. In einem Kaufhaus hingegen, einem kommerziellen Umfeld, könnten sie sich strafbar machen. Wohlgemerkt, mit den selbst fotografierten Bildern.
Eine derartige Bürokratisierung und Kommerzialisierung hätte sich Kafka in seinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können. Denn in seinen Werken geht es ja immer um den aussichtslosen Kampf des Einzelnen gegen eine undurchschaubare, allgegenwärtige und allmächtige Bürokratie, die auf bizarre Weise das Individuum zerquetscht. Ein Alptraum wäre Realität geworden, die Meinungsfreiheit verschwunden. Es würde eine Diktatur der Jurisprudenz herrschen. Glücklicher Kafka, der dies nicht mehr erleben muss. Er hätte dieses Szenario sicher zu unrealistisch gefunden, um daraus überhaupt den Stoff für einen Roman entwickeln zu können.
Hier können Sie Ihre Stimme für die Panoramafreiheit abgeben:
https://www.change.org/p/european-parliament-save-the-freedom-of-photography



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