Die ersten Untersuchungen der urchristlichen Schriften standen im Kontext des aufgeklärten Rationalismus: Geschehen sein kann nur, was naturwissenschaftlich möglich und erklärbar ist. Daraus folgten drei oft als unvereinbare Gegensätze beschriebene Unterscheidungen, die Albert Schweitzer rückblickend als die großen Entweder-Oder der Jesusforschung bezeichnete:
- „entweder rein geschichtlich oder übernatürlich“: die Unterscheidung der Eigenverkündigung Jesu vom Glauben der Urchristen, etwa an seine Wunder und Auferstehung,
- „entweder synoptisch oder johanneisch“: die Unterscheidung der drei verwandten synoptischen Evangelien vom Johannesevangelium,
- „entweder eschatologisch oder uneschatologisch“: die Unterscheidung einer jüdischen Endzeiterwartung von einer gegenwartsbestimmten Lehre Jesu.[3]
Damit näherte sich die Forschung schrittweise der vermuteten Eigenverkündigung Jesu. Ihr antidogmatisches und antikirchliches Interesse sollte ihn zum Vorbild des eigenen aufgeklärten Sittlichkeitsideals erheben, führte jedoch zu dem Ergebnis, dass die jüdische Apokalyptik als Rahmen seines Auftretens entdeckt und deren Unvereinbarkeit mit dem Fortschrittsglauben des 19. Jahrhunderts unübersehbar wurde.[4]
Zweite Phase
Merkmale
Mit Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die historisch-kritischen Methoden entscheidend differenziert und erweitert: Neben die bis dahin vorherrschende Quellenscheidung der Literarkritik trat die Formkritik, die zuerst nach der Form (Gattung) eines Einzeltextes und dessen Gebrauch für seine Hörer und Leser („Sitz im Leben“) fragt.
Seit 1919 konfrontierte die Dialektische Theologie den „Historismus“ und anthropozentrischen Relativismus der liberalen Theologie mit dem unverfügbaren überzeitlichen, aber in der Kulturkrise der Gegenwart aktuellen Wahrheitsanspruch des Wortes Gottes. Aus der historisch-kritisch gewonnenen Erkenntnis, dass bereits die ältesten Überlieferungsschichten des NT durchweg von Verkündigungsabsichten geformt waren, zogen Theologen wie Karl Barth, Emil Brunner, Eduard Thurneysen u. a. den Schluss, dass die Suche nach dem historischen Jesus die Eigenabsicht der Texte nur verfehlen und die Christusbotschaft nicht begründen könne. Dabei griffen sie die Kritik Martin Kählers von 1898 auf, der die Prämissen der Leben-Jesu-Forschung als Erster theologisch in Frage gestellt hatte.
Nach 1945 bestimmte Rudolf Bultmanns Programm der „Entmythologisierung“ die Szene der NT-Wissenschaft: Er fand den eigentlichen Anstoß des Evangeliums nicht in der Übermittlung mythischer Dogmen, die dem vom naturwissenschaftlichen Weltbild geprägten Menschen nichts mehr sagen, sondern im Ruf zur Entscheidung für ein radikal neues Selbstverständnis der eigenen Existenz „aus Gott“.
Seit 1953 stellten Bultmanns Schüler dann die erneute Rückfrage nach dem historischen Jesus, um ein Sachkriterium für das „Christuskerygma“ zu finden. Parallel dazu vertraten Neutestamentler wie Joachim Jeremias, Julius Schniewind und Leonhard Goppelt einen konservativen Ansatz, der die Eigenverkündigung Jesu konstruktiv als kritischen Maßstab der Theologie und kirchlichen Verkündigung zur Geltung bringen wollte.
Dritte Phase
Merkmale
Die seit etwa 1980 so bezeichnete „dritte Frage“ nach dem historischen Jesus versucht, Jesu Auftreten aus einer konsequent historischen Perspektive im Gesamtkontext seiner Zeit zu erklären. Sie ist durch einen fächer- und länderübergreifenden Methodenpluralismus gekennzeichnet: Neben traditionellen historisch-kritischen Literaturanalysen bezieht man viel stärker als früher außerbiblische Erkenntnisse aus der Archäologie, Sozialgeschichte, Kulturanthropologie, Orientalistik und Judaistik zur Entstehungszeit und Umwelt des NT ein. Der Forschungsschwerpunkt hat sich aus Mitteleuropa in die USA verlagert, wo auch frühchristliche Apokryphen als mögliche Primärquellen bewertet werden.
In der heutigen Forschung beachten Christen die Veröffentlichungen von Juden zu Jesus viel stärker als früher. Dazu hat jüdisch-christlicher Dialog entscheidende Anstöße gegeben. Nicht mehr Differenz und Kontrast, sondern vollständige Zugehörigkeit Jesu zum damaligen Judentum bildet den akzeptierten Konsens und Ausgangspunkt. Jesusworte werden nicht mehr nur dann als echt anerkannt, wenn sie sich sowohl vom damaligen Judentum als auch vom Urchristentum unterscheiden, sondern wenn sie nur im Rahmen des damaligen Judentums entstanden sein und den Glauben der Urchristen bewirkt haben können. Dadurch hat sich die früher oft betonte Kluft zwischen Jesus, dem Pharisäismus und dem Urchristentum stark relativiert: Man spricht eher von einer „Jesusbewegung“ und sieht diese ebenso wie das rabbinische Judentum als eng verwandte Weiterentwicklung des antiken palästinischen Judentums, zu dem Jesus gehörte.
Diese Bezugsgröße wird allerdings ihrerseits heute viel stärker in verschiedene Richtungen und Merkmale differenziert. Jesus wird auch als Jude sehr unterschiedlich eingeordnet, etwa als prophetischer Reformator, politischer Revolutionär, Exorzist und Wundertäter oder Wanderphilosoph nach Art der hellenistischen Kyniker.
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Foto: angelofsweetbitter2009,flickr.com
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