Von einer großen Scheidung berichtet das Evangelium des heutigen Christkönigsonntags (Mt 25,31-46). Von einem Endgericht ist die Rede, von Schafen, die von Böcken geschieden werden, erstere zum ewigen Leben, letztere zur ewigen Strafe. Hat dieses Evangelium uns heute noch etwas zu sagen? Sind solche Vorstellungen von Endgericht Himmel und Hölle nicht überholt? Für uns Christen sind Himmel und Hölle jedenfalls Realitäten, die zu unserem Glauben gehören. Einen sehr guten, ich möchte sogar behaupten den besten, Versuch, Menschen unserer Zeit diese Realitäten zugänglich zu machen, ist der Roman Die große Scheidung des englischen Schriftstellers Clive Staples Lewis (1898-1963).Mit den Begriffen Himmel und Hölle können Menschen unserer Zeit oft wenig anfangen. Zu absurd erscheinen ihnen Vorstellungen, Himmel und Hölle seien geografische Orte in Raum und Zeit. Ersterer als Ort über den Wolken, an dem die Erlösten in weißen Hemden mit Harfen in der Hand den ganzen Tag Halleluja singen und letzterer als Ort unter der Erde, an dem die Sünder und Ungläubigen im ewigen Feuer schmoren. Solche Vorstellungen bereiten uns ganz zurecht Probleme. Trotzdem sind Himmel und Hölle Realitäten. Der Himmel ist kein Ort und ebensowenig ist die Hölle ein Ort. Die Hölle ist ein Zustand des endlosen Kreisens um sich selbst und der autistischen Selbstbezogenheit, letztlich ein Zustand verweigerter Liebe. Der Himmel ist ein Zustand, in dem wir uns von diesem Kreisen um uns selbst und dieser autistischen Selbstbezogenheit befreit haben und uns geöffnet haben zu Gott und zu den Mitmenschen hin, letztlich ein Zustand gelebter Liebe.
In bildlicher Sprache, die Menschen unserer Zeit zugänglich ist, versucht Clive Staples Lewis in seinem Roman Die große Scheidung (Johannes-Verlag, Einsiedeln 1978) diese Sichtweise von Himmel und Hölle zu vermitteln. Lewis‘ Roman spielt auf einer ebenen Wiesenlandschaft. Mit einem Bus werden Verstorbene zu dieser Wiesenlandschaft gebracht, die eine Art „Vorhof des Himmels“ ist. Diese Besucher sind körperlose Schattengestalten. Sie treffen dort auf Lichtgestalten, die ihnen helfen wollen, selbst zu einer Lichtgestalt zu werden, damit sie den Weg in den Himmel antreten können. Die Entscheidung, ob sie in den Himmel oder in die Hölle will, liegt bei jeder Schattengestalt selbst. Der Roman besteht aus einzelnen Gesprächen verschieder Schattengestalten mit verschiedenen Lichtgestalten, die jeweils die Entscheidung einer Schattengestalt für oder gegen den Himmel abbilden.
Da ist beispielsweise eine Schattengestalt, die es als ihr Recht ansieht, in den Himmel zu kommen und gar keine Barmherzigkeit will, es nicht einmal verstehen kann, dass jemand anders Barmherzigkeit erfahren hat. Ihr Dialog mit einer Lichtgestalt entwickelt sich wie folgt:
„‚Was redest du immerfort auf mich ein? Ich erzähle dir bloß, was für einer ich gewesen bin. Ich will bloß mein Recht haben. Ich habe nicht um irgend jemandes kreuzverdammte Barmherzigkeit gebeten.‘ ‚Dann tu es. Tu’s sogleich. Bitte um die zum Kreuz verdammt Barmherzigkeit. Alles kann hier durch Bitten erlangt werden, nichts durch Kauf.‘ ‚Nun schön, das mag ja alles für dich das Wahre sein. Wenn die es für richtig halten, einen dreckigen Mörder hereinzulassen, bloß weil er im letzten Augenblick ein Jammermaul gezogen hat, das
ist ihre Sache. Aber ich habe nicht die Absicht, dir Gesellschaft zu leisten, verstanden? Warum auch? Ich will keine Barmherzigkeit. Ich bin ein anständiger Mann, und hätte ich mein Recht bekommen, dann wäre ich längst hier, und das kannst du ihnen von mir ausrichten.‘“ (S. 46)
Da ist ein Bischof, der seinen Glauben verloren hat und dessen Arbeit sich nur noch um Veröffentlichungen, Vorträge und seine eigene Karriere dreht.
Da ist eine Ehefrau, die ihr ganzes Eheleben lang ihrem Mann nur helfen wollte und nur etwas aus ihm machen wollte, ihm damit aber das Leben zu Hölle gemacht hat, weil ihre Gedanken einzig um sich selbst kreisten.
Diese und die anderen Geschichten des Romans zeigen, wie sich das Kreisen um sich selbst, autistische Selbstbezogenheit und verweigerte Liebe ausdrücken können.
Himmel und Hölle sind Realitäten, die bereits in diesem Leben gesät werden und Wurzel schlagen, um sich für die Ewigkeit zu manifestieren. Den Samen dazu sät jeder von uns selbst. Die Entscheidung für den Himmel oder für die Hölle fällt jeder für sich selbst. Lewis schreibt:
„Am Ende gibt es nur zwei Arten von Menschen: die, die zu Gott sagen: ‚Dein Wille geschehe.‘, und die zu denen Gott sagt: ‚Dein Wille geschehe.‘ Alle, die in der Hölle sind, erwählten sie. Ohne diese Selbstwahl könnten sie nicht in der Hölle sein. Keine Seele, die ernstlich und inständig nach Freude verlangt, wird sie verfehlen. Die welche suchen, finden. Denen, die klopfen, wird aufgetan.“ (S. 90f.)
Auch im Evangelium des heutigen Christkönigssonntag haben die Menschen sich ihr Urteil durch ihre Taten bereits selbst gefällt, und der Menschensohn auf dem Richterstuhl bestätigt dieses Urteil lediglich. Wenn wir uns einmal aus Liebe zu Gott für den Himmel entschieden haben, wird diese Entscheidung trotz aller Schwierigkeiten, die das Leben mit sich bringt, tragfähig sein und wir werden die Kraft haben, unser ganzes Leben und Handeln nach diesem unserem großen Ziel ausrichten können.
Bild: Nicholas, „Delineated“, piqs.de. Some rights reserved.



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