Das Paradox des Wohlstands: Die AfD im Südwesten

​Der Artikel „AfD in Baden-Württemberg: Einige der reichsten Gegenden Deutschlands – und um die 30 Prozent AfD“ von Dr. Eva Ricarda Lautsch (ZEIT ONLINE, 6. März 2026) zeichnet ein beunruhigendes Bild einer Region, die eigentlich als Stabilitätsanker der Republik gilt. Dass die AfD in Kreisen wie Göppingen oder Rottweil-Tuttlingen, die beim Haushaltseinkommen bundesweit Spitzenplätze belegen, die 30-Prozent-Marke knackt, markiert eine Zäsur. Eine nähere Analyse zeigt jedoch, dass die Partei für die dort artikulierten Sorgen keine tragfähigen Lösungen bietet, sondern die Probleme durch ihre Programmatik sogar verschärfen würde.

​Wirtschaftliche Verunsicherung und die Sackgasse des Protektionismus

​Die Reportage beschreibt Unternehmer wie Deike Kühn-Vari, die den Einbruch der Automobilindustrie drastisch spüren. Die AfD präsentiert sich hier als Retterin des Status quo, doch ihre wirtschaftspolitischen Ansätze sind für einen exportorientierten Hochtechnologie-Standort wie Baden-Württemberg brandgefährlich.

  • Das Problem: Die Wirtschaft im Südwesten lebt vom Welthandel und der Europäischen Union.
  • Die AfD-„Lösung“: Die Partei kokettiert offen mit einem Dexit und protektionistischen Maßnahmen.
  • Warum das nicht funktioniert: Ein Austritt aus dem EU-Binnenmarkt würde die Lieferketten der mittelständischen Weltmarktführer zerstören und horrende Zölle für schwäbische Produkte im Ausland bedeuten. Anstatt den Strukturwandel der Industrie zu gestalten, würde die AfD-Politik den Wirtschaftsstandort isolieren und massenhaft Arbeitsplätze vernichten.

​Die Migrationsdebatte: Populismus gegen ökonomische Realität

​Ein zentrales Thema im Artikel ist die Angst vor kriminellen Einwanderern und die Forderung nach Massenabschiebungen. Die im Text zitierte Unternehmerin hofft, dass dadurch „wieder mehr Platz bei Ärzten“ sei.

  • Die AfD-„Lösung“: Radikale Abschiebungsszenarien, die selbst vor Menschen mit deutschem Pass nicht haltmachen (wie von Wählern im Text gefordert und von Parteivertretern durch gezielte Wortwahl befeuert).
  • Warum das nicht funktioniert: Die Argumentation der Wähler ist paradox. Gerade im Gesundheitssektor und im Handwerk herrscht ein eklatanter Fachkräftemangel. Würde man die AfD-Forderungen umsetzen, bräche die medizinische Versorgung im ländlichen Raum endgültig zusammen, da viele Ärzte und Pflegekräfte einen Migrationshintergrund haben. Die AfD bietet kein Konzept, wie der demografische Wandel ohne Zuwanderung bewältigt werden soll; sie bedient lediglich ein Feindbild, das die tatsächliche Versorgungslage verschlechtern statt verbessern würde.

​Landwirtschaft und EU-Vorschriften

​Der Fall des ehemaligen Landwirts Armin verdeutlicht die Wut auf EU-Vorschriften und den Preisverfall. Er hofft, dass es mit der AfD „in a andre Richtung“ geht.

  • Die AfD-„Lösung“: Ablehnung der EU-Agrarpolitik und Rückkehr zu nationalen Märkten.
  • Warum das nicht funktioniert: Die Landwirtschaft in Deutschland ist massiv von EU-Subventionen abhängig. Ein Wegfall dieser Gelder, den die AfD durch ihre EU-feindliche Haltung provoziert, würde gerade kleine und mittlere Höfe, die Armin am Herzen liegen, sofort in den Ruin treiben. Die AfD benennt zwar den Frust über Bürokratie, verschweigt aber, dass ihr Weg das finanzielle Rückgrat der Bauern brechen würde.

​Gesellschaftliche Spaltung als vermeintliche „Ordnung“

​Der Artikel beschreibt die AfD als autoritäre Kraft, die in einer unsicheren Welt (Post-Corona, Krieg, Krise) Ordnung verspricht.

  • Das Problem: Menschen suchen Sicherheit und klare Regeln.
  • Die AfD-„Lösung“: Stigmatisierung von Minderheiten und die Forderung nach einer ethnisch homogenen Gesellschaft.
  • Warum das nicht funktioniert: Diese „Ordnung“ basiert auf der Zerstörung des Rechtsstaats. Die Unterscheidung von Staatsbürgern nach ethnischen Kriterien ist verfassungswidrig. Eine Partei, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt durch Ausgrenzung torpediert, schafft keine Sicherheit, sondern ein Klima der Angst und Instabilität. Für eine funktionierende Gesellschaft und eine florierende Wirtschaft ist sozialer Frieden jedoch die Grundvoraussetzung.

​Ein Blick auf die Realität

​Der Erfolg der AfD in Baden-Württemberg ist kein Zeichen für die Qualität ihrer Konzepte, sondern ein Symptom für eine tiefe emotionale Entfremdung und den Wunsch nach einfachen Antworten auf komplexe Transformationsprozesse. Die Analyse der Reportage macht deutlich: Die Wähler projizieren ihre Hoffnungen auf eine Partei, deren Programm ihren eigenen wirtschaftlichen und sozialen Interessen fundamental widerspricht. Die AfD bietet keine Lösungen für die Autokrise, den Ärztemangel oder das Höfesterben – sie nutzt den daraus resultierenden Frust lediglich als politischen Treibstoff.

Quelle:

Lautsch, Eva Ricarda: „AfD in Baden-Württemberg: Einige der reichsten Gegenden Deutschlands – und um die 30 Prozent AfD“, in: ZEIT ONLINE, 6. März 2026.


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Kommentare

5 Kommentare zu „Das Paradox des Wohlstands: Die AfD im Südwesten“

  1. Avatar von Sabine M.
    Sabine M.

    Die wenigsten wählen die AfD wegen ihres Programmes oder ihres Personals. Die AfD wird gewählt, weil die Union entweder selber linke Politik macht (siehe Merkel) oder den Sozialisten als Mehrheitsbeschaffer dient (siehe Merz). Wer schwarz, grün oder rot wählt, wählt Klimawahn, Deindustrialisierung, Genderkult und Migration in die Sozialsysteme, egal bei welcher dieser Parteien er sein Kreuzchen macht. Wer diese Parteien wählt, wählt hohe Steuern, hohe Sozialabgaben, Bevormundung und Staatsschulden, in einem Wort: Sozialismus.
    Da gleichzeitig die FDP durch ihre Kollaboration in der Ampel jede Glaubwürdigkeit verloren hat, bleibt nur noch die Alternative als Alternative zu den sozialistischen (rot sowie grün) Parteien.

  2. @Sabine

    Danke für Ihren pointierten Kommentar. Sie sprechen einen Punkt an, den viele Menschen derzeit so empfinden: das Gefühl, dass sich die politischen Ränder verwischen und die klassischen bürgerlichen Positionen in den bestehenden Koalitionen untergehen. Dennoch möchte ich einige Ihrer Thesen hinterfragen, da sie die Realität der politischen Programme etwas zu stark vereinfachen.
    ​Die Einordnung als „Sozialismus“
    ​Es ist nachvollziehbar, dass Sie mit der aktuellen Steuerbelastung oder den staatlichen Eingriffen unzufrieden sind. Den Begriff Sozialismus auf alle Parteien von den Grünen bis hin zur Union unter Friedrich Merz anzuwenden, greift jedoch zu kurz.
    ​Eine marktorientierte Politik, wie sie die Union unter Merz vertritt, unterscheidet sich in ihren Grundfesten massiv von planwirtschaftlichen Modellen. Wenn wir alles, was uns an staatlicher Regulierung stört, pauschal als Sozialismus bezeichnen, verlieren wir den Blick für die tatsächlichen Unterschiede in den Wirtschaftskonzepten. Die Herausforderungen der Gegenwart – wie der Klimawandel oder die Sicherung unserer Sozialsysteme – sind schlichtweg äußerst schwierige Aufgaben, für die jede Partei nach ihrem eigenen Kompass nach Wegen sucht.
    ​Das Risiko der „Alternative“
    ​Sie schreiben selbst, dass die wenigsten die AfD wegen ihres Programms wählen. Genau hier liegt jedoch die Gefahr, die im Artikel beleuchtet wird:
    ​Wer die AfD aus Protest gegen hohe Abgaben wählt, nimmt ein Programm in Kauf, das durch einen EU-Austritt (Dexit) die Grundlage unseres Wohlstands im Südwesten gefährden würde.
    ​Die Exportwirtschaft in Baden-Württemberg braucht offene Grenzen und stabile Handelsbeziehungen, keine Abschottung.
    ​Der Fachkräftemangel lässt sich nicht durch reine Ausgrenzung beheben, ohne dass unsere medizinische Versorgung und das Handwerk massiven Schaden nehmen.
    ​Wenn man eine Partei wählt, deren Inhalte man eigentlich ablehnt, nur um „denen da oben“ einen Denkzettel zu verpassen, riskiert man, die eigene wirtschaftliche Basis zu zerstören. Ein Denkzettel ist wertlos, wenn man sich damit selbst die Lebensgrundlage entzieht.
    ​Ein Blick auf das Ganze
    ​Es ist absolut legitim, eine Rückbesinnung auf konservative oder marktliberale Werte zu fordern. Doch eine echte Alternative sollte tragfähige Konzepte für die Zukunft bieten, statt lediglich den Frust über den Wandel zu bewirtschaften. Die Lösung für die schwierigen Fragen unserer Zeit wird kaum in der Rückkehr zu nationaler Isolation liegen, sondern in einer mutigen Gestaltung der Rahmenbedingungen innerhalb eines starken Europas.
    ​Vielleicht wäre es produktiver, den Druck auf die etablierten Parteien so zu erhöhen, dass sie ihre Profile wieder schärfen, statt einer Bewegung die Macht zu geben, deren Programm laut Analyse den Interessen der meisten Bürger eigentlich widerspricht.

  3. Avatar von Sabine M.
    Sabine M.

    Danke für Ihre lange Antwort! Das habe ich so oder so ähnlich schon oft gelesen: Die Union ist die Partei der Marktwirtschaft. Die Union ist das kleinere Übel. In einer Koalition müssen Kompromisse eingegangen werden usw.

    Das Programm der Union ist o.k.. Am Ende des Tages bestimmt aber der sozialistische Koalitionspartner, was davon umgesetzt wird, und verwässert das wenige dann noch. Mit einer Stimme für die Union wähle ich also nicht die Marktwirtschaft, sondern verschaffe den Sozialisten die nötigen parlamentarischen Mehrheiten, ihre Agenda durchzuziehen.
    Wieviele Wähler haben jahrelang die Zähne zusammengebissen und Merkel gewählt, weil sie angeblich das kleinere Übel war, und sehen nun, wie das Land an den Folgen ihrer Politik den Bach runtergeht? Nicht umsonst gilt Merkel als die Mutter der AfD.
    Dann erwähnen Sie den Fachkräftemangel, der den Zuzug von Fachkräften erzwingt. Ja, qualifizierte, besser hochqualifizierte Fachkräfte kann dieses Land gebrauchen. Aber keine Analphabeten, denen Sprache und Kultur dieses Landes fremd sind, die sich aber im Sozialsystem wie die Fische im Wasser bewegen. Gleichzeitig verlassen hunderttausende wirklich hochqualifizierter Fachkräfte (z.B. Ärzte) dieses Land und fliehen vor dem Sozialismus.

  4. @Sabine

    Es ist wichtig, über diese Themen im Gespräch zu bleiben, auch wenn wir unterschiedliche Sichtweisen haben.
    ​Dennoch möchte ich zwei Punkte kurz geraderücken, die das aktuelle Bild etwas verzerren.
    ​Dass die Union unter Friedrich Merz lediglich als Mehrheitsbeschaffer für andere dient, passt nicht zur aktuellen Lage.
    ​Als Kanzlerpartei bestimmt die Union maßgeblich die politische Richtung.
    ​Auch wenn Zugeständnisse in einer Koalition nötig sind, ist der Vorwurf des „Sozialismus“ bei einer unionsgeführten Regierung kaum haltbar.
    ​Hier werden marktliberale Weichen neu gestellt, was in einer vernetzten Welt jedoch Zeit braucht.
    ​Ihre Darstellung der Zuwanderung ist sehr zugespitzt.
    ​Viele Betriebe im Südwesten würden ohne Mitarbeiter mit Migrationshintergrund – auch in der Produktion, Logistik und Pflege – schlichtweg stillstehen.
    ​Die Behauptung, es kämen fast nur Unqualifizierte für die Sozialsysteme, übersieht die vielen Menschen, die tagtäglich unseren Wohlstand mit erarbeiten.
    ​Dass Fachkräfte das Land verlassen, hat oft mit der hohen Steuerlast zu tun, ist aber kein Beleg für ein sozialistisches System.
    ​Es ist vielmehr ein Problem, das eine starke Wirtschaftspolitik lösen muss.
    ​Am Ende hilft es wenig, schwierige Themen mit Schlagworten zu belegen.
    ​Wir brauchen Lösungen, die unseren Standort sichern, statt ihn durch einen Rückzug aus Europa zu isolieren.

  5. Avatar von Sabine M.
    Sabine M.

    Es wirkt etwas stallblind, wenn Sie der Union zubilligen, die politische Richtung zu bestimmen. Außerhalb der Union wird das jedenfalls nicht so gesehen.
    Vielleicht werden irgendwo marktliberale Weichen gestellt, aber dort fährt schon längst kein Zug mehr vorbei, weil die Strecke stillgelegt worden ist. Den Sozialismus, den Helmut Kohl übrigens als Überschreiten einer Staatsquote von 50 % definierte, wird die Union so jedenfalls nicht aufhalten.

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