Zwischen Stillstand und Größenwahn | the daily

​Der Morgen beginnt in Deutschland mit einem vertrauten Gefühl: Nichts bewegt sich. Wer heute versucht, über die Autobahn ans Ziel zu kommen, steht dank der Verdi-Streikwoche vermutlich eher im Gebet als im Verkehrsfluss. Es ist eine fast schon theologische Lektion in Demut: Der Mensch plant seine Route, doch die Gewerkschaft lenkt das Schicksal. Dass die Deutsche Bahn zeitgleich die Sanierung der Strecke Hamburg–Berlin wetterbedingt auf unbestimmte Zeit verschiebt, passt ins Bild eines Landes, das seine eigene Geschwindigkeit verloren hat. Man könnte es für eine Prüfung der Geduld halten, wäre es nicht schlicht die physische Manifestation bürokratischer Trägheit. Während wir also im Stau über die Ethik des Arbeitskampfes sinnieren – darf das Gemeinwohl für individuelle Lohnforderungen in Geiselhaft genommen werden? – rückt in Berlin die moralische Integrität der Politik selbst in den Fokus. Die Vorwürfe der Vetternwirtschaft gegen die sächsische AfD führen dazu, dass die SPD nun das Abgeordnetengesetz verschärfen will. Es ist der ewige Versuch, Anstand per Gesetz zu erzwingen, was theologisch gesehen etwa so erfolgversprechend ist wie das Verbot der Erbsünde durch einen Gemeinderatsbeschluss.

​Frieden auf dem Basar der Eitelkeiten

​Der Blick weitet sich nach Süden, wo die Münchner Sicherheitskonferenz ihre Zelte abgebrochen hat, nur um den Ball nach Genf weiterzureichen. Dort sitzen heute Vertreter der Ukraine und Russlands am Tisch, moderiert von einer US-Administration, die Diplomatie eher als Immobilientransaktion versteht. Es geht um 20 Prozent des Donbass, die Russland als Preis für ein Ende des Sterbens fordert. Hier erreicht das ethische Dilemma seinen Gipfel: Kann man Gerechtigkeit gegen Frieden eintauschen? Ist ein „schmutziger Friede“ gottgefälliger als ein „gerechter Krieg“? Während Präsident Selenskyj vor neuen Luftangriffen warnt und die russische Armee ihre schwindenden Reihen immer öfter mit ausländischen Kämpfern auffüllt, wirkt das Feilschen in der Schweiz wie ein Tanz auf dem Vulkan. Es hat einen herben Beigeschmack von trockenem Zynismus, dass ausgerechnet jene Mächte, die sonst so lautstark die Unantastbarkeit von Grenzen predigen, nun diskret auf die Uhr schauen, weil der Konflikt im fünften Jahr schlicht das Budget und die Aufmerksamkeit strapaziert.

​Die Rückkehr der imperialen Träume

​Parallel dazu inszeniert sich die USA unter einer neuen, alten Führung als globaler Sheriff, der die Weltkarte eher als Wunschliste betrachtet. Das erneute Interesse an Grönland und der massive Druck auf europäische Partner, sich zwischen liberalen Werten und einem neuen „westlichen Realismus“ zu entscheiden, lässt das transatlantische Bündnis knirschen. Wenn US-Außenminister Marco Rubio in Budapest Viktor Orbán umarmt, während in Washington die Epstein-Akten erneut Staub aufwirbeln und prominente Namen aus Wirtschaft und Hochadel belasten, offenbart sich eine tiefe moralische Krise. Es ist die alte Geschichte von Macht und ihrer korrumpierenden Wirkung, die kein Ozean trennen kann. Dass Präsident Trump zeitgleich die Klimaschutzvorgaben kippt, weil Treibhausgase nun offiziell nicht mehr als gesundheitsschädlich gelten, ist eine Form von Schöpfungsleugnung, die man fast schon bewundern muss – wenn man die Konsequenzen ignoriert.

​Inmitten dieser geopolitischen Großwetterlage wirken die Olympischen Winterspiele in Italien wie ein seltsames Echo aus einer anderen Zeit. Wenn deutsche Bobfahrerinnen wie Laura Nolte Silber holen, während das deutsche Skisprung-Team nach einem abgebrochenen Wettkampf über Betrug zürnt, ist das die einzige Form von Drama, die wir uns eigentlich leisten sollten. Am Ende bleibt die Erkenntnis: Ob auf der Autobahn oder in der Weltpolitik – wer nicht rechtzeitig lenkt, wird geschoben. Und meistens in eine Richtung, die man sich nicht ausgesucht hat.

Quellen:

  • Deutschlandfunk, Nachrichten vom 17.02.2026 (Streiks, Bahn, AfD-Vorwürfe, Olympia).
  • Reuters / The Japan Times, 17.02.2026 (Friedensgespräche in Genf, Russland-Ukraine-Update).
  • Al Jazeera / The Guardian, 17.02.2026 (US-Außenpolitik, Rubio in Ungarn, Epstein-Ermittlungen).
  • ZDFheute Newsticker (Klimapolitik USA, Industriedaten Deutschland).


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