
Am 4. Februar 1906 – also vor 120 Jahren – wird in Breslau ein Mensch geboren, der zu den bekanntesten Deutschen des 20. Jahrhunderts zählt: Dietrich Bonhoeffer. Der evangelische Theologe und herausragende Vertreter der Bekennenden Kirche war am deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt, was am 9. April 1945 zu seiner Ermordung im KZ Flossenbürg führt. Bonhoeffer war da gerade 39 Jahre alt.
Was können wir von Bonhoeffers Widerstand gegen Krieg und Gewalt lernen? Zunächst: Dass es nicht leicht ist, dazu eine Haltung zu entwickeln. Aus den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg gibt es zwei ganz unterschiedliche Positionierungen Bonhoeffers.
Zum einen entwickelt Bonhoeffer aus dem Begriff des Gewissens einen gesinnungsethischen Pazifismus. Auf der Jugendkonferenz des Ökumenischen Weltbundes in Fanö (Dänemark) am 28. August 1934 spricht er dazu in glasklarer Diktion. Seine „Friedensrede“ (DBW 13, S. 298-301), gehalten in der angespannten Vorkriegsatmosphäre – etwa fünf Jahre später sollte Nazi-Deutschland den Zweiten Weltkrieg entfachen –, besteht im Kern in der Forderung, die Kirche möge „ihren Söhnen im Namen Christi die Waffen aus der Hand“ nehmen und „ihnen den Krieg verbieten und den Frieden Christi ausrufen über die rasende Welt“ (DBW 13, S. 300-301).
Die ethische Frage des bellum iustum-Topos, ob ein Christ Soldat sein und in den Krieg ziehen darf, eine Frage, die Augustinus und Thomas von Aquin noch grundsätzlich bejahten, beantwortet Bonhoeffer hier mit einem klaren Nein. Friede ist die normative Forderung Jesu. Wer als Christ zur Waffe greift, richte diese gegen Christus selbst. Das ist Bonhoeffers tiefe Überzeugung – 1934, als die Nazi bereits an der Macht waren.
Fünf Jahre zuvor – die NSDAP war noch eine Splitterpartei, die bei den letzten Wahlen im Mai 1928 gerade mal 2,6 Prozent erreicht hatte – dachte Bonhoeffer völlig anders über den Krieg. In einem Vortrag in Barcelona über „Grundfragen einer christlichen Ethik“ (DBW 10, S. 232-345) billigt er den Verteidigungskrieg, ganz im Geiste der bellum iustum-Tradition. Kein flammender Appell für den Pazifismus, sondern eine geradezu realpolitische Rechtfertigung des Naturrechts auf Notwehr gegen einen milittärisch geführten Angriff, der aber immer noch aus dem Glauben heraus gerechtfertigt wird. Der Unterschied ist nur, dass Bonhoeffer hier die Zwänge der konkreten Situation berücksichtigt.
Er kommt so zu einer pragmatischen Lösung des Dilemmas von christlichem Friedensauftrag und natürlichem Verteidigungsrecht (auch unter Einsatz von Waffengewalt) in verantwortungsethischer Perspektive, bei der ein Begriff zentral ist: die Wirklichkeitsgemäßheit. Dahinter verbirgt sich die Idee, dass Handlungen immer situativ sind und auch nur im Kontext bewertet werden können. Es gibt keine absoluten allgemeingültigen ethischen Prinzipien, die immer – wie ein Algorithmus – klare Vorgaben für die richtige Handlungsform machen, weil und soweit diese immer schon a priori festgelegt ist, eben durch klare Regeln, denen man einfach nur folgen muss. So einfach ist es nicht, zumindest nicht im Fall des Verteidigungskrieges. Das sieht Bonhoeffer.
Warum dann aber die kompromisslose „Friedensrede“? Es scheint, als habe sich durch die Machtübernahme der Nazis etwas an seiner Haltung verändert. Die Verantwortungsethik scheint nur in Zeiten zu gelten, in denen man darauf zählen darf, dass gewaltsame Handlungen keinen Beitrag leisten zu einer kulturellen Katastrophe existentiellen Ausmaßes. Diese, so scheint es Bonhoeffer 1934 geahnt zu haben, steht mit den Nazis jedoch unmittelbar bevor. Somit kann man sich in dieser Situation(sic!) nur ganz verweigern, aus Gewissensgründen, in pazifistischer Gesinnung. Diese ist dann wirklichkeitsgemäß. Je mehr Menschen in Deutschland, in Europa seine radikale Haltung teilen, so scheint Bonhoeffer zu denken, desto unwahrscheinlicher wird der drohende Krieg. Jede Rechtfertigungsrhetorik hingegen, mag sie sich auch in eine lange Tradition stellen und große christliche Denker – die Katholische Kirche nennt sie sogar „heilig“ – hinter sich wissen, führt zur diskursiven Gewöhnung an militärische Gewalt als Mittel der Wahl und sorgt mit dafür, dass eine Stimmung entsteht, in der Krieg als etwas „Normales“ betrachtet wird. Und genau das gilt es zu verhindern.
Was würde Bonhoeffer heute wohl zu uns sagen, zu den Kindern der „Zeitenwende“? Würde er sprechen wie 1929 in Barcelona oder wie 1934 in Fanö? Er würde wohl auf die Bedingung der Wirklichkeitsgemäßheit unseres kollektiven Handelns hinweisen und uns empfehlen, die Kriterien für Verantwortung im ungetrübten Blick auf die Wirklichkeit zu entwickeln. Vielleicht würde Bonhoefer dazu aus seiner Schrift „Ethik“ zitieren: „Der Verantwortliche ist an den konkreten Nächsten in seiner konkreten Wirklichkeit gewiesen. Sein Verhalten liegt nicht von vornherein und ein für allemal, also prinzipiell fest, sondern es entsteht mit der gegebenen Situation. Er hat kein absolut gültiges Prinzip zur Verfügung, das er fanatisch gegen jeden Widerstand der Wirklichkeit durchzuführen hätte, sondern er sucht das in der gegebenen Situation Notwendige, zu erfassen und zu tun. Die gegebene Situation für den Verantwortlichen ist nicht einfach der Stoff, dem er seine Idee, sein Programm aufzwingen, aufprägen wollte, sondern sie wird als die Tat mitgestaltend in das Handeln mit einbezogen“ (DBW 6, S. 260).
Josef Bordat



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