Frost, Feuer, Stille

Symbolbild

Die Ukraine am Abgrund

​Die Ukraine durchlebt in diesen Januartagen des Jahres 2026 ihre wohl schwersten Stunden. Während die Welt auf diplomatische Signale aus den USA wartet, zeigt der Alltag zwischen Kyjiw und Charkiw ein Bild des nackten Überlebens. Es ist ein Überleben gegen die extreme Kälte, gegen den ständigen Hagel aus Gleitbomben und gegen eine Dunkelheit, die das ganze Land zu verschlingen droht.

​Ein Volk im eisigen Griff

​Der Winter ist in diesem Jahr eine tödliche Waffe. In der Hauptstadt Kyjiw sinken die Temperaturen nachts auf bis zu minus 16 Grad. Doch die Wärme ist zu einem Luxusgut geworden. Durch die gezielten russischen Angriffe auf die Energieinfrastruktur steht die Versorgung kurz vor dem totalen Kollaps. Zehntausende Haushalte sitzen in ausgekühlten Wohnblocks fest, während die Reparaturtrupps unter Lebensgefahr versuchen, das Fernwärmenetz zu flicken.

​Besonders perfide ist die Taktik, die Umspannwerke der Atomkraftwerke ins Visier zu nehmen. Wenn diese Knotenpunkte fallen, droht nicht nur ein lokaler Blackout, sondern der Zusammenbruch des gesamten nationalen Netzes. Das Auswärtige Amt warnt bereits vor einem drohenden Zusammenbruch, der Millionen Menschen schutzlos dem Frost ausliefern würde.

​Terror aus der Luft und Bewegung an der Front

​In Charkiw, nur 30 Kilometer von der Grenze entfernt, gehört das Heulen der Sirenen zum grausamen Rhythmus des Lebens. Russische Jets klinken aus sicherem Abstand Gleitbomben aus, die Wohnviertel in Trümmerwüsten verwandeln. Erst gestern riss ein solcher Angriff eine junge Frau aus dem Leben und verletzte viele weitere.

​Gleichzeitig bleibt die Lage an der Front extrem angespannt. Während russische Truppen in der Region Saporischschja kleine Landgewinne verzeichnen, gibt es aus dem Norden Hoffnungsschimmer: Bei Kupjansk konnten ukrainische Einheiten den Druck erhöhen und gegnerische Verbände teilweise umzingeln. Doch jeder Meter Boden wird mit einem unvorstellbaren Blutzoll erkauft.

​Das Warten auf das diplomatische Wunder

​In der Politik herrscht eine bedrückende Ungewissheit. Die Hoffnungen von Präsident Selenskyj, schnell feste Sicherheitsgarantien mit der neuen US-Regierung zu vereinbaren, haben einen herben Dämpfer erhalten. Nach den Gesprächen mit den Unterhändlern in Washington gibt es keinen nennenswerten Fortschritt.

​Die Gespräche über Gebietsabtretungen und langfristige Unterstützung hängen in der Schwebe. Während in der Ukraine Menschen sterben, wird auf internationalem Parkett um Formulierungen gerungen. Das nächste große Treffen in Davos wird nun zur Schicksalsfrage: Findet der Westen eine gemeinsame Linie, oder wird die Ukraine ihrem Schicksal überlassen?

Ein Ausblick in die Ungewissheit

​Die Lage der Menschen ist verzweifelt, aber ihr Widerstandswille bleibt ungebrochen. Die Ukraine kämpft an zwei Fronten: gegen eine Übermacht auf dem Schlachtfeld und gegen das Erfrieren in den eigenen vier Wänden. Ohne schnelle Luftverteidigung und massive Hilfe beim Wiederaufbau der Stromnetze steuert das Land auf eine Katastrophe zu, deren Auswirkungen noch gar nicht vollständig absehbar sind. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit und gegen den Frost, den niemand verlieren darf.

Quelle: ZEIT Online (Liveblog zum Krieg in der Ukraine, Stand 19. Januar 2026, 21:41 Uhr)


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