
Auf den ersten Blick wirkt es verrückt: Mitten in Europa führt ein Diktator den blutigsten Krieg seit 1945, bombardiert Geburtskliniken in Kyjiw und droht mit Atomwaffen. Und doch gibt es in Deutschland zwei Parteien, die AfD und das BSW, die den Schuldigen weniger im Kreml, sondern eher in Washington oder Berlin suchen. Warum tun sie das? Was springt für sie dabei heraus, sich politisch an die Seite eines Paria-Staates zu stellen? Die Antwort ist eine Mischung aus eiskaltem Machtkalkül, ideologischer Kumpanei und dem gezielten Schüren von Angst.
Der gemeinsame Feind heißt Westen
Sowohl die Rechtsaußen der AfD als auch die Links-Nationalen um Sahra Wagenknecht eint ein tiefes Misstrauen gegenüber den USA und der NATO. Für die AfD ist das moderne Amerika ein Symbol für „Woke-Wahnsinn“ und Liberalismus, den sie ablehnen. Putin hingegen inszeniert sich als Bewahrer „traditioneller Werte“ – ein starker Mann, der keine Regenbogenfahnen duldet. Das gefällt der rechten Basis.
Beim BSW (Bündnis Sahra Wagenknecht) sind es eher alte Reflexe aus dem Kalten Krieg: Der Anti-Amerikanismus sitzt tief. In dieser Weltsicht ist die NATO der eigentliche Aggressor, der Russland „umzingelt“ hat. Beide Parteien nutzen Putin also als Hebel, um ihr eigentliches Ziel zu treffen: das politische Establishment im Westen. Indem sie Putin verteidigen, sagen sie eigentlich: „Unser System hier ist kaputt.“
Stimmenfang mit der Angst
Der wohl wichtigste Grund für die Russland-Nähe ist simpel: Wählerstimmen, besonders in Ostdeutschland. Dort ist die emotionale Bindung zu Russland historisch bedingt oft stärker, und die Skepsis gegenüber dem Westen größer. Viele Menschen haben Angst, dass der Krieg zu uns herüberschwappt oder dass sie ihren Wohlstand verlieren.
AfD und BSW bedienen genau diese Ängste perfekt. Sie verkaufen sich als „Friedensparteien“. Der Deal, den sie den Wählern suggerieren, klingt verlockend einfach: „Wenn wir uns mit Putin gut stellen, gibt es wieder billiges Gas und keine Atomkriegsgefahr.“ Dass dieser „Frieden“ die Unterwerfung der Ukraine bedeuten würde, wird verschwiegen. Für die Parteien ist das ein Gewinnerthema: Sie sammeln all jene ein, die sich von den etablierten Parteien nicht gehört fühlen.
Chaos als Geschäftsmodell
Politiker vom Rand profitieren selten von Ruhe und Ordnung. Sie brauchen Unzufriedenheit. Putins hybrider Krieg gegen den Westen zielt darauf ab, Gesellschaften zu spalten – durch Desinformation, Energie-Erpressung und Flüchtlingsströme. Das spielt AfD und BSW direkt in die Karten.
Wenn die Gaspreise steigen, können sie die Regierung für „sinnlose Sanktionen“ verantwortlich machen. Wenn Geflüchtete aus der Ukraine kommen, kann die AfD gegen Migration wettern. Jede Krise, die Putin verschärft, liefert diesen Parteien neue Munition für ihre Wutreden. Es gibt zudem immer wieder Berichte und Ermittlungen (wie die „Voice of Europe“-Affäre), die nahelegen, dass es bei manchen Akteuren nicht nur um ideologische Liebe, sondern um handfeste finanzielle Einflussnahme aus Moskau gehen könnte.
Der Blick nach vorn
Kurzfristig geht die Rechnung auf: Die Umfragewerte im Osten zeigen, dass der pro-russische Kurs verfängt. Doch der Preis dafür ist hoch. Diese Parteien machen sich zu den nützlichen Helfern eines Regimes, das offen unser demokratisches Modell angreift. Sie wetten darauf, dass die Ukraine verliert und der Westen einknickt. Sollte das passieren, hätten sie politisch „Recht behalten“. Doch was, wenn der Wind sich dreht und die Geschichte sie später nicht als Friedensstifter, sondern als Handlanger eines Aggressors entlarvt?
Zumal eines Aggressors, der nach der Ukraine sicherlich weiter in Richtung Westen „expandieren“ würde. Dann könnten sich Wähler besagter Parteien in Ostdeutschland schon mal wieder auf sowjetische Verhältnisse freuen. War doch so schön alles in der SED Diktatur. Die gute alte Zeit.
„Voice of Europe“-Affäre
Die „Voice of Europe“-Affäre ist einer der größten Spionage- und Einfluss-Skandale der jüngeren europäischen Geschichte. Im Kern geht es darum, dass Russland nicht nur Desinformation verbreitet, sondern mutmaßlich europäische Politiker direkt bezahlt hat, damit diese im Sinne des Kremls agieren.
Hier ist die Anatomie dieses Skandals:
1. Die Fassade: Ein „Medium“ aus Prag
„Voice of Europe“ trat offiziell als Nachrichtenportal mit Sitz in Prag auf. Auf den ersten Blick wirkte es wie eine rechte, EU-kritische Nachrichtenseite. Tatsächlich aber – so die Erkenntnisse westlicher Geheimdienste – war es eine russische Einflussoperation.
Hinter der Plattform steckte der pro-russische Oligarch Wiktor Medwedtschuk, ein enger Vertrauter Putins, der früher in der Ukraine politisch aktiv war. Das Ziel der Plattform war simpel: Narrative zu verbreiten, die die Ukraine-Unterstützung im Westen untergraben.
2. Der Vorwurf: Geld gegen Propaganda
Der Skandal explodierte im Frühjahr 2024, als der tschechische Geheimdienst (BIS) Ergebnisse seiner Ermittlungen veröffentlichte. Der Vorwurf wog schwer: Über „Voice of Europe“ sollen Hunderttausende Euro an europäische Politiker geflossen sein.
Der Deal war perfide: Die Politiker gaben dem Portal Interviews, in denen sie gegen die NATO wetterten und „Frieden“ (zu russischen Bedingungen) forderten. Im Gegenzug soll es nicht nur Reichweite, sondern verdeckte Barzahlungen gegeben haben. Ziel war es, die Europawahl 2024 massiv zugunsten russlandfreundlicher Parteien zu beeinflussen.
3. Die deutsche Spur: AfD im Visier
Besonders brisant wurde die Affäre durch die Verwicklung führender AfD-Politiker:
- Petr Bystron: Der damalige Nummer-2-Kandidat der AfD für die Europawahl geriet ins Zentrum der Ermittlungen. Es existieren laut tschechischen Behörden Audioaufnahmen, die eine Geldübergabe (die Rede war von 20.000 Euro) nahelegen sollen. Bystron bestritt dies vehement, doch seine Immunität wurde aufgehoben, und es kam zu Razzien in seinen Büros und Wohnungen.
- Maximilian Krah: Auch der AfD-Spitzenkandidat Krah gab „Voice of Europe“ Interviews. Zwar standen bei ihm primär Vorwürfe wegen eines mutmaßlichen chinesischen Spions in seinem Mitarbeiterstab im Vordergrund, doch die Nähe zu dem Netzwerk brachte ihn politisch weiter unter Druck. Die AfD musste ihn im Wahlkampf quasi „verstecken“ und erteilte ihm ein Auftrittsverbot.
4. Die politische Sprengkraft
Die Affäre entlarvte eine neue Qualität der hybriden Kriegsführung. Russland begnügte sich nicht mehr mit Troll-Armeen im Internet, sondern kaufte sich offenbar direkt in die Parlamente ein. Für die AfD war dies ein Desaster: Sie, die sich immer als patriotische Kraft inszeniert, stand plötzlich unter dem Verdacht, käuflich zu sein und Volksverrat zugunsten einer fremden Macht zu begehen.
Das offene Ende
„Voice of Europe“ wurde inzwischen von der EU sanktioniert und abgeschaltet. Doch die juristische Aufarbeitung läuft noch. Sollten sich die Bestechungsvorwürfe vor Gericht bestätigen, wäre dies der Beweis, dass Teile der europäischen Rechten nicht nur ideologisch, sondern auch finanziell am Tropf Moskaus hängen. Es bleibt die bange Frage: Wie viele andere Netzwerke dieser Art operieren noch unentdeckt mitten unter uns?
Quellen zur Voice of Europe Affäre
- Tagesschau / ARD: Berichte über die Erkenntnisse des tschechischen Geheimdienstes BIS und die Finanzierung durch Wiktor Medwedtschuk.
- Der Spiegel: Detaillierte Recherchen zu den Geldübergaben, Audioaufnahmen und den Ermittlungen gegen Petr Bystron und Maximilian Krah.
- Süddeutsche Zeitung: Analysen zur Strategie Russlands, die Europawahl durch gekaufte Politiker zu beeinflussen.
- ZDF heute: Hintergründe zu den Razzien und der Aufhebung der Immunität der betroffenen Abgeordneten.
Quellen zum Text davor
- Deutscher Bundestag / Dokumente: Analysen zu Verbindungen von AfD-Abgeordneten (z.B. Petr Bystron) zu pro-russischen Netzwerken („Voice of Europe“).
- ZDF heute / Frontal: Berichte über Desinformationskampagnen und die Rolle des BSW als „nützliche Idioten“ für Kreml-Narrative (FBI-Dossiers).
- Deutschlandfunk / Table.Media: Analysen zur „Hufeisentheorie“ und den Schnittmengen von AfD und BSW in der Außenpolitik (Anti-Amerikanismus).
- Rosa-Luxemburg-Stiftung & diverse Politikwissenschaftler: Studien zum Wählerpotenzial in Ostdeutschland und der historischen Russland-Affinität.
- Taz / Vorwärts: Artikel über die strategische Nutzung des „Friedensbegriffs“ zur Wählermobilisierung.



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