Digitale Abschaltung – und wir sind die Nächsten?

​Es klingt wie eine Folge aus der düsteren Serie Black Mirror, ist aber bitterer Ernst: Ein Mann macht seinen Job, hält sich an geltendes Recht und wird dafür quasi aus der Gesellschaft gelöscht. Genau das ist dem französischen Richter Nicolas Guillou widerfahren. Über diesen Fall berichtet aktuell nicht nur ausführlich die Zeit, auch im ZDF heute journal und vielen anderen Medien war das Thema bereits präsent.

​Was ist passiert? Guillou ist Richter am Internationalen Strafgerichtshof. Weil er Haftbefehle gegen Benjamin Netanjahu wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen mit unterschrieben hat, setzten ihn die USA auf eine Sanktionsliste. Die Folge: Sein digitales Leben wurde abgeschaltet. Airbnb, PayPal, Amazon – alle Konten gesperrt. Selbst seine Kreditkarten funktionieren nicht mehr, und europäische Banken weisen ihn ab, weil sie Angst vor der Wut aus Amerika haben. Der Mann kann kaum noch am modernen Leben teilnehmen.

Wenn der große Bruder zur Waffe greift

​Dieser Vorfall ist weit mehr als eine persönliche Tragödie für einen Juristen. Er ist ein Weckruf mit dem Vorschlaghammer für jeden Europäer. Wir sehen hier schwarz auf weiß, wie erpressbar wir uns gemacht haben. Jahrelang war es bequem, die Dienste der Tech-Giganten aus dem Silicon Valley zu nutzen. Google weiß alles, Facebook verbindet alle, Amazon liefert alles. Doch jetzt zeigt sich die Kehrseite der Medaille: Diese Abhängigkeit ist keine reine Bequemlichkeit mehr, sie ist eine direkte Bedrohung unserer Freiheit.

​Die USA nutzen ihre Tech-Konzerne hier ganz offen als Hebel zur Umerziehung. Wer nicht spurt, dem wird der Stecker gezogen. Das, was die Zeit als „Dark Reeducation“ beschreibt, ist im Grunde eine digitale Geiselnahme. Ein europäischer Richter wendet europäisches und internationales Recht an – und wird dafür von einem Verbündeten (oder ehemaligen Verbündeten?) bestraft, indem man ihm die digitale Existenzgrundlage entzieht.

Das Ende der Naivität

​Das wirklich Beunruhigende daran ist die Machtlosigkeit der europäischen Institutionen. Dass selbst heimische Banken vor den US-Sanktionen einknicken und einem EU-Bürger den Service verweigern, ist ein Skandal. Es zeigt, dass die faktische Macht längst nicht mehr in Brüssel oder Berlin liegt, sondern in den Serverfarmen von Microsoft, Alphabet und Co.

​Wir müssen uns einer harten Wahrheit stellen: Solange wir keine eigenen digitalen Strukturen haben, sind wir nicht souverän. Wir sind digitale Pächter auf amerikanischem Grund und Boden. Und der Verpächter hat gerade gezeigt, dass er uns jederzeit vor die Tür setzen kann, wenn ihm unsere Nase oder unsere Politik nicht passt.

Der unvermeidliche Ausstieg

​Es führt kein Weg mehr daran vorbei: Wir müssen uns Alternativen suchen. Das bedeutet nicht, dass wir morgen alle Smartphones wegwerfen. Aber es bedeutet, dass Europa in rasendem Tempo eigene Plattformen, eigene Bezahlsysteme und eine eigene digitale Infrastruktur aufbauen muss, die unabhängig von Washington funktioniert.

​Sich von Google, Instagram oder Airbnb zu verabschieden, klingt heute noch unbequem und anstrengend. Aber der Fall Guillou zeigt: Es ist vielleicht bald keine Frage des „Wollens“ mehr, sondern des „Überlebens“. Wenn wir nicht wollen, dass fremde Mächte darüber entscheiden, wer von uns noch ein Hotel buchen oder ein Brötchen mit Karte bezahlen darf, müssen wir jetzt handeln.

Die Zeit läuft ab

​Es ist fünf vor zwölf. Wenn ein Richter für die Anwendung von Recht sanktioniert wird und sein bürgerliches Leben verliert, ist die rote Linie längst überschritten. Wir können nicht länger zusehen und hoffen, dass „der große Bruder“ in den USA schon wieder nett zu uns sein wird. Europa muss digital erwachsen werden, und zwar sofort. Tun wir das nicht, riskieren wir, dass jeder von uns, der eine unbequeme Meinung vertritt oder an der falschen Stelle arbeitet, morgen schon vor einem schwarzen Bildschirm sitzt – ausgeschlossen vom Leben, das wir kennen.

Quelle: Basierend auf dem Artikel „USA und Europa: Dark Reeducation“ von Lenz Jacobsen, erschienen in DIE ZEIT am 07. Dezember 2025.


Entdecke mehr von god.fish

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.


Kommentare

9 Kommentare zu „Digitale Abschaltung – und wir sind die Nächsten?“

  1. Avatar von Agricola
    Agricola

    Solange die Europäer ihre Kapazitäten darauf verschwenden, Vorschriften zu produzieren oder sich neue Steuern auszudenken, wird das nichts mit dem digitalen Erwachsenwerden.
    Die Ingenieure und Informatiker, die man dazu brauchen könnte, sind längst ins nichtsozialistische Ausland geflohen, wo sie mehr verdienen und weniger Steuern zahlen müssen, oder sitzen auf gepackten Koffern. Mit den Fußkranken, die bleiben, wird das schwierig. Und mit den eingewanderten Fachkräfte aus dem Orient auch.

    1. Werter Agricola, da haben Sie aber tief in die Mottenkiste der Klischees gegriffen! 😄

      Zugegeben, wir Europäer sind Weltmeister im Formulare-Ausfüllen. Aber dass hier nur noch die „Fußkranken“ hocken, ist doch Quatsch mit Soße. Die Leute von BioNTech (übrigens genau solche „Fachkräfte“, deren Herkunft Sie hier kritisieren) haben der Welt gezeigt, wo der Frosch die Locken hat – während andere noch getweetet haben.

      Und das „nichtsozialistische Ausland“? Tja, dort verdienen Sie vielleicht mehr Dollar, aber dafür knipsen sie Ihnen das digitale Licht aus, wenn Sie den falschen Richterhammer schwingen. Da behalte ich doch lieber meine nervige europäische Sicherheit und wir fangen endlich an, eigenes Zeug zu bauen, statt nur zu meckern. Einverstanden?

  2. Avatar von Agricola
    Agricola

    Laut Handelsblatt verlassen jährlich etwa 210.000 meist gutausgebildete Akademiker dieses Land. Das Resultat sehen Sie, wenn Sie mal wieder etwas länger auf einen Arzttermin warten müssen oder halt auch, wenn Sie die IT-Dominanz der Amis beklagen. Wer jung ist und sieht, wohin die Reise in Deutschland geht (vgl. US-Sicherheitsstrategie), der setzt sich ab.

    PS:
    Ich bin froh, daß ich diesem Biontec-Gift ungespritzt entkommen konnte. Wo Sie da einen Mehrwert sehen, erschließt sich mir deshalb nicht.

    1. @agricola
      Es steht Ihnen frei, sich in ein anderes Land abzusetzen. Welches schwebt Ihnen denn vor?

  3. Ich bin sehr froh, dass mir das „Biontec-Gift“ rechtzeitig gespritzt wurde. So ist mir Schlimmeres erspart geblieben, als ich mit Covid19 infiziert wurde und nach wenigen Tagen und nur geringen Beschwerden die Sache überstanden war.

  4. Avatar von Agricola
    Agricola

    Das freut mich für Sie! Leider hatten nicht alle so viel Glück wie Sie.

    1. Ich lasse mich weiterhin jährlich mit BioNTech gegen Corona impfen, einfach weil ich absolut keine Lust habe, über längere Zeit krank auszufallen.
      ​Klar, Corona ist heute nicht mehr ganz so dramatisch wie früher, als es noch keine Impfstoffe gab und das menschliche Immunsystem dem Virus völlig unvorbereitet ausgeliefert war. Aber man kann nach wie vor sehr unangenehm erkranken. Es geht dabei nicht nur um zwei Wochen Fieber und Husten, sondern vor allem um die ernsthaften Langzeitfolgen, die viele unterschätzen.
      ​Auch heute noch ist das Risiko für Long Covid real. Das bedeutet im schlimmsten Fall:
      ​Monatelange Erschöpfung (Fatigue)
      ​Dauerhafte Konzentrationsstörungen („Brain Fog“)
      ​Herz-Kreislauf-Probleme oder neurologische Ausfälle
      ​Anhaltende Atemnot bei Belastung
      ​Ganz ehrlich: Nur weil die Pandemie für beendet erklärt wurde, ist das Virus nicht harmlos geworden. Darauf möchte ich es nicht ankommen lassen.

  5. Avatar von Agricola
    Agricola

    Meine erste Wahl wären die USA. Leider gehöre ich zu den Fußkranken, die hierbleiben müssen. Es ist halt nicht jedermanns Sache, die Mutter ins Pflegeheim zu stecken, ihr Haus zu verkaufen und sich dann abzusetzen.

  6. Avatar von Agricola
    Agricola

    Ich bin gut ohne dieses Zeugs ausgekommen. Mir erging es dabei besser als mehreren Gespritzen in der Verwandtschaft, die teilweise üble Nebenwirkungen ertragen mußten. Eine Woche Fieber, dann war ich mit Corona durch. War weniger schlimm als die Grippe ein paar Jahre vorher.
    Natürlich ist es Ihre private Entscheidung, ob und wie oft Sie sich impfen lassen. Aber Sie erinnern sich sicherlich auch noch daran, daß damals massiver Druck auf die Ungespritzen ausgeübt wurde, während heute eher zur Zurückhaltung gemahnt wird.

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von god.fish

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen