100 Jahre, 19 Opfer – und das Ende ist offen

Es ist eine Zahl, die einen kurz innehalten lässt. 19 Länder. So viele Nationen hat Russland laut der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas in den letzten 100 Jahren überfallen. Es ist leicht, diese Zahl einfach nur als Statistik abzutun, als historisches Rauschen. Aber wenn man genau hinsieht, erkennt man dahinter keine Zufälle, sondern ein eiskaltes System.

Der russische Imperialismus ist keine neue Erfindung von Wladimir Putin. Er ist tief in der DNA dieses Riesenreichs verankert. Russland ist nicht durch friedliche Kooperation oder Handel zum flächenmäßig größten Staat der Erde geworden. Es ist so groß geworden, weil es einen unstillbaren Hunger auf das Land seiner Nachbarn hat. Blut und Boden sind seit Jahrhunderten die Währung, in der Moskau rechnet.

Hier ist die erschütternde Bilanz der russischen Aggressionen, die Kallas meint – eine Liste, die zeigt, dass kein Nachbar sicher ist:

  • 1918–1921: Ukraine (Erster Unabhängigkeitskrieg)
  • 1920: Aserbaidschan (Invasion und Sowjetisierung)
  • 1920: Armenien (Invasion und Sowjetisierung)
  • 1921: Georgien (Militärische Besetzung)
  • 1929: China (Konflikt um die ostchinesische Eisenbahn)
  • 1939: Polen (Überfall im Pakt mit Hitler)
  • 1939: Finnland (Der Winterkrieg)
  • 1940: Estland (Besetzung und Annexion)
  • 1940: Lettland (Besetzung und Annexion)
  • 1940: Litauen (Besetzung und Annexion)
  • 1940: Rumänien (Besetzung von Bessarabien)
  • 1941: Iran (Anglo-Sowjetische Invasion)
  • 1945: Japan (Invasion der Kurilen und Mandschurei)
  • 1956: Ungarn (Blutige Niederschlagung des Volksaufstands)
  • 1968: Tschechoslowakei (Zerschlagung des Prager Frühlings)
  • 1979: Afghanistan (Zehnjähriger Vernichtungskrieg)
  • 1992: Moldau (Krieg um Transnistrien)
  • 1992: Tadschikistan (Militärische Intervention im Bürgerkrieg)
  • 2008: Georgien (Kaukasuskrieg)
  • 2015: Syrien (Militärische Intervention und Bombardements)
  • 2014 & 2022: Ukraine (Annexion der Krim und der totale Angriffskrieg)

Diese Liste ist lang, und sie ist mit unvorstellbarem Leid geschrieben. Doch was wir heute sehen, übertrifft alles bisher Dagewesene. Der aktuelle russische Angriffskrieg gegen die Ukraine ist von einer neuen, schrecklichen Qualität. Die Raketen, die täglich auf Kyjiw, Charkiw und Odesa niedergehen, sollen nicht nur militärische Ziele treffen – sie sollen den Willen eines ganzen Volkes brechen. Es geht um Auslöschung der Identität, es geht somit also um Genozid.

Wir stehen jetzt an einem Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt. Es ist die wohl gefährlichste Kreuzung der modernen Geschichte. Wenn wir zulassen, dass Russland damit durchkommt, wenn wir diesen imperialen Hunger nicht stoppen, dann war die Ukraine nicht das letzte Opfer auf dieser Liste. Kaja Kallas warnt uns nicht vor einer theoretischen Gefahr, sondern vor einer realen, tödlichen Maschine, die gerade erst so richtig warmläuft.

​Was jetzt auf dem Spiel steht

Der Blick zurück auf diese 19 Länder macht eines schmerzhaft klar: Appeasement funktioniert nicht. Wer dem russischen Bären Honig gibt, wird trotzdem zerfleischt, zerrissen, gefressen. Viele Menschen im Westen hoffen immer noch, dass der Krieg „einfach so“ aufhört, wenn man nur leise genug ist. Aber die Geschichte schreit uns förmlich an, dass das eine tödliche Illusion ist.

Wenn Sie diesen Text gelesen haben und sich nun beklommen fühlen, dann ist das leider genau das richtige Gefühl. Es sollte uns allen in den Knochen stecken. Denn die Betroffenheit nach den Bomben in Kyjiw ist nicht weit weg. Und die Frage, die am Ende im Raum steht, ist nicht, ob Russland weitermacht. Die Frage ist nur, wer der Nächste ist, wenn wir jetzt versagen.


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