
Die aktuelle diplomatische Hektik rund um einen Friedensplan für die Ukraine und eventuelle Gebietsabtretungen verdeckt eine brutale Realität: Es ist höchst unwahrscheinlich, dass Wladimir Putin irgendeinen dieser Pläne dauerhaft akzeptiert. Seine Strategie basiert nicht auf Kompromiss, sondern auf der militärischen Unterwerfung. Die derzeitige Schwäche des Westens, die sich in zögerlichen Waffenlieferungen und der Angst vor Eskalation manifestiert, ist für den Kreml kein Anlass zur Mäßigung, sondern eine Einladung zum Weitermachen.
Das strategische Kalkül Russlands ist simpel: Solange die europäischen Länder „nicht in die Gänge kommen“, wie es derzeit der Fall ist, verschiebt sich das Kräfteverhältnis täglich zugunsten Moskaus. Diese Passivität ist der entscheidende Faktor, der die Ukraine militärisch ausbluten lässt. Wenn der Westen, insbesondere Europa, nicht sofort und massiv seine Unterstützung hochfährt, droht nicht nur ein schlechter Deal, sondern der Zusammenbruch der ukrainischen Verteidigung.
Dabei übersehen die europäischen Hauptstädte eine entscheidende strategische Gelegenheit: Im Moment kämpft die Ukraine stellvertretend für die Sicherheit Europas. Es ist eine zynische, aber militärisch logische Rechnung: Europäisches Geld und Material könnten die russische Armee in der Ukraine stoppen, ohne dass ein einziger Soldat aus einem Nato-Land sterben muss. Doch die Weigerung, die Ukraine mit allem Nötigen auszustatten, verspielt diesen Vorteil fahrlässig.
Die unausweichliche Konsequenz
Sollte die Ukraine aufgrund mangelnder Unterstützung fallen, verschwindet der Puffer zwischen der Nato und einer auf Kriegswirtschaft getrimmten russischen Armee. Die Schwäche, die heute den Fall der Ukraine ermöglicht, wird Putin morgen dazu ermutigen, die Nato direkt zu testen. Die europäischen Nationen werden sich dann nicht mehr mit Geld freikaufen können. Die bittere Konsequenz dieses Zögerns wird sein, dass die Europäer in Zukunft selbst kämpfen müssen, um ihre Freiheit zu verteidigen – zu einem ungleich höheren Preis als heute.
Wie die Lage aktuell ist:
Diplomatisches Tauziehen und Putins Haltung
Obwohl Politiker wie Wolodymyr Selenskyj und Donald Trump öffentlich Optimismus verbreiten, sieht die Realität anders aus. Der neue US-Friedensplan wurde zwar etwas abgemildert, stößt aber in Moskau auf taube Ohren. Wladimir Putin hat derzeit kein Interesse an einem Kompromiss. Er fordert weiterhin, dass die Ukraine Gebiete rechtlich abtritt, niemals in die Nato aufgenommen wird und alle Sanktionen aufgehoben werden. Putin glaubt, dass die Zeit für ihn spielt, da der Winter naht und die Ukraine unter Stromausfällen leidet. Er droht damit, den Donbass notfalls mit Gewalt zu holen.
Die Lage an der Front
Die Meinungen zur militärischen Situation gehen auseinander. Finnische Analysten sehen die Ukraine strategisch im Nachteil und glauben, sie müsse einen schlechten Deal akzeptieren. Das Institute for the Study of War (ISW) hält dagegen: Russland komme nur im Schritttempo voran und sei weit davon entfernt, seine Ziele zu erreichen. Front-Beobachter bestätigen, dass Russland zwar durch Infiltration mit kleinen Gruppen Boden gutmacht und viele Drohnen einsetzt, aber keine großen Durchbrüche erzielt. Die Ukraine kämpft jedoch mit Personalmangel und kann ohne mehr Hilfe den Trend kaum umkehren.
Politisches Beben in Kiew
Mitten in dieser kritischen Phase gibt es Unruhe in der ukrainischen Führung. Andrij Jermak, der Stabschef und engste Vertraute Selenskyjs, ist zurückgetreten, nachdem es Korruptionsermittlungen in seinem Umfeld gab. Dies schwächt Selenskyj innenpolitisch.
Ausblick und weitere Entwicklungen
Die Nato versucht, wegfallende US-Hilfen durch das sogenannte Purl-Programm aufzufangen, doch die Summen reichen nicht an das bisherige Niveau heran. Putin zeigt zudem kein Interesse, wieder in die Gruppe der Industrienationen (G7/G8) aufgenommen zu werden. Die Experten sind sich einig: Ein Zusammenbruch der ukrainischen Front ist zwar unwahrscheinlich, aber ohne eine drastische Änderung der Unterstützung kann die Ukraine den Krieg nicht gewinnen.
Das Wichtigste in Kürze
- Verhandlungen stocken: Putin lehnt vermutlich den US-Plan ab und setzt auf Sieg durch Zeitspiel.
- Militärische Pattsituation: Russland rückt langsam vor, schafft aber keinen Durchbruch; Ukraine ist erschöpft.
- Innenpolitik: Selenskyjs wichtigster Mann, Jermak, ist zurückgetreten.
- Perspektive: Ohne massive westliche Hilfe droht der Ukraine ein Diktatfrieden oder ein schleichender Verlust weiterer Gebiete.
Quelle: „Lage in der Ukraine: Was, wenn Putin Nein sagt?“ (Die Zeit, 28.11.2025) und eigene strategische Einschätzung.



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