
Lost in Translation
Jeder von uns kennt das: Man ist abends unterwegs, läuft durch eine Unterführung oder wartet am Bahnhof und denkt sich: Hier ist es unheimlich. Ecken, in denen gedealt wird, aggressive Pöbeleien oder einfach eine Atmosphäre, in der man sich, besonders als Frau, unwohl fühlt.
Genau dieses Gefühl – dass die Sicherheit im öffentlichen Raum ein Problem ist – wollte Bundeskanzler Friedrich Merz ansprechen. Und sind wir ehrlich: Das Anliegen ist legitim. Viele Menschen teilen die Sorge, dass bestimmte Orte verwahrlosen oder kriminelle Hotspots entstehen.
Wenn der Kanzler sagt, er wolle diese Probleme lösen, nicken viele. Doch dann passiert der verbale Crash: Merz hat das Thema so verpackt, dass am Ende nicht über Sicherheit, sondern über Rassismus diskutiert wird. Er hat ein sinnvolles Anliegen problematisch kommuniziert.
Was ist da schiefgelaufen?
Das legitime Anliegen: Sicherheit
Wenn Politik über „Probleme“ spricht, meinen viele Bürger sehr konkrete Dinge. Das Anliegen von Merz zielt (vermutlich) auf diese Punkte ab:
- Sichtbare Kriminalität: Drogenszenen, die sich am hellichten Tag an Hauptbahnhöfen abspielen.
- Angsträume: Dunkle Parks oder Bahnhofsviertel, die nachts gemieden werden.
- Verwahrlosung: Das Gefühl, dass der Staat bestimmte Bereiche „aufgegeben“ hat.
Viele Wähler erwarten, dass die Politik genau hinschaut und handelt. Sie wollen, dass Gesetze durchgesetzt werden und dass Kriminelle bestraft werden – egal, welche Herkunft sie haben. Dieses Bedürfnis nach Sicherheit und Ordnung ist kein „rechtes“ oder „linkes“ Thema, sondern ein Grundbedürfnis.
Das verbale Problem: Von „Stadtbild“ zu „Abschiebung“
Hier ist, warum die Kommunikation von Merz nach hinten losging. Es waren vor allem zwei verbale Stolpersteine:
1. Das Wort „Stadtbild“
Das Wort „Stadtbild“ ist extrem vage. Ein „Stadtbild“ kann durch Müll gestört werden, durch hässliche Architektur – oder eben, so die problematische Interpretation, durch Menschen, die „anders“ aussehen.
Wenn Merz sagt, „wir haben im Stadtbild noch dieses Problem“, öffnet er Tür und Tor für die Frage: Meint er kriminelles Verhalten oder meint er die reine Anwesenheit von Migranten?
2. Der fatale Kurzschluss zur „Abschiebung“
Das eigentliche Problem war der nächste Halbsatz. Merz sagte (sinngemäß): Wir haben dieses Problem im Stadtbild … DESWEGEN brauchen wir mehr Rückführungen (Abschiebungen).
Hier passiert der entscheidende Fehler: Er verknüpft nicht Kriminalität mit Abschiebung, sondern das Stadtbild mit Abschiebung.
Was hängen bleibt, ist diese Logik: Das „Stadtbild“ (also das, was ich sehe) ist das Problem. Die Lösung ist „Abschiebung“.
Was er hätte sagen müssen: „Kriminalität an Hotspots ist das Problem. Die Lösung ist eine harte Bestrafung, und bei Straftätern ohne Bleiberecht auch Abschiebung.“
Warum der Unterschied so wichtig ist
Stell dir vor, du bist Deutscher, aber deine Eltern oder Großeltern sind eingewandert. Du bist Arzt, Studentin oder Handwerker. Wenn der Kanzler sagt, das „Stadtbild“ sei ein Problem und die Lösung sei Abschiebung, fühlst du dich mitgemeint. Du wirst visuell zu einem Problem erklärt, obwohl du nichts getan hast.
Seine Wortwahl trifft nicht den kriminellen Täter, sondern pauschal alle, die migrantisch aussehen könnten.
Indem er später nachlegte und sagte: „Fragen Sie mal Ihre Töchter“, machte er es nicht besser. Er koppelte das diffuse „Stadtbild“-Problem an eine vermeintliche Bedrohung für Frauen und implizierte (ohne es zu sagen), diese Bedrohung ginge pauschal von Migranten aus.
Man kann und muss über Probleme wie Kriminalität an Bahnhöfen, Stadtteilen, Städten sprechen. Aber Präzision ist alles. Wer Probleme lösen will, muss das Problem benennen – also Kriminalität, Gewalt oder Verwahrlosung.
Wer stattdessen vage von „Stadtbild“ und „Migration“ redet, benennt nicht das Problem, sondern macht eine ganze Menschengruppe zum Problem. Und das ist nicht nur verbal ungeschickt, sondern spaltet die Gesellschaft.



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