
Die Lage im Nahen Osten ist seit Jahren verfahren und von Gewalt geprägt. Der nun schon über zwei Jahre andauernde Gazakrieg hat nicht nur unzähliges Leid und Zerstörung über die Zivilbevölkerung gebracht, sondern auch die internationale Gemeinschaft tief gespalten. Israel sieht sich dem Vorwurf ausgesetzt, Gaza in Schutt und Asche zu legen, während die Hamas als Terrororganisation agiert, die keinen Frieden will. In dieses explosive Gemisch platzt nun ein Vorschlag des US-Präsidenten Donald Trump, der einen „ewigen Frieden“ verspricht. Doch kann ein Plan, der so ambitioniert klingt, wirklich funktionieren, oder ist er zum Scheitern verurteilt wie frühere vollmundige Ankündigungen Trumps, etwa den brutalen russischen Angriffskrieg in der Ukraine innerhalb kürzester Zeit zu beenden?
Der von Trump und dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu vorgestellte Plan hat es in sich: Eine dauerhafte Waffenruhe, die Freilassung aller Geiseln im Austausch gegen palästinensische Gefangene und der Rückzug der israelischen Armee. Eine Übergangsregierung aus Technokraten, überwacht von einem internationalen „Friedensrat“ unter Trumps eigener Leitung, soll Gaza verwalten. Der Kern des Plans ist jedoch die vollständige Entwaffnung und Zerstörung der Infrastruktur der Hamas. Und genau hier liegt der Knackpunkt.
Es ist höchst unwahrscheinlich, dass eine Terrororganisation wie die Hamas freiwillig ihrer eigenen Entmachtung zustimmt. Wohin sollten ihre Anführer und Kämpfer fliehen? Welches Land würde ihnen Exil gewähren? Die Hamas hat ihre Existenz auf dem bewaffneten Kampf gegen Israel aufgebaut und es erscheint kaum vorstellbar, dass sie diesen aufgibt, um einem von den USA und Israel diktierten Frieden Platz zu machen. Die Forderung nach Selbstauflösung ist eine Hürde, die nahezu unüberwindbar scheint.
Trotz dieser fundamentalen Schwäche hat Trumps Vorschlag einen entscheidenden strategischen Vorteil: Er verlagert den Druck. Bisher stand vor allem Israel am Pranger, als die Regierung, die den Gazastreifen bombardiert und scheinbar nicht verhandlungsbereit ist. Mit diesem Plan ändert sich die Erzählung. Israel hat einem umfassenden Vorschlag zugestimmt. Nun liegt der Ball eindeutig im Spielfeld der Hamas. Lehnt sie ab, macht sie sich vor der Weltöffentlichkeit zur alleinigen Verantwortlichen für die Fortsetzung des Krieges.
Dieser diplomatische Schachzug könnte weitreichende Folgen haben. Er könnte dazu beitragen, den neu aufgeflammten weltweiten Antisemitismus einzudämmen, der sich am Vorgehen Israels in Gaza entzündet hat. Wenn klar wird, dass Israel einem Friedensplan zugestimmt hat und einzig die Hamas eine Lösung blockiert, könnte dies die öffentliche Meinung beeinflussen und Israel aus der Rolle des derzeitigen Aggressors befreien. Insofern ist der Vorschlag von Herrn Trump, bei aller berechtigten Skepsis, gar nicht so schlecht. Er ist weniger ein konkreter Fahrplan zum Frieden als vielmehr ein geschicktes politisches Manöver, das die Dynamik des Konflikts grundlegend verändern könnte. Die entscheidende Frage bleibt jedoch, ob die Hamas mitspielt – oder ob sie, wie von Netanjahu angedroht, auf die „harte Tour“ zur Aufgabe gezwungen wird.
Quelle: ZEIT, „Gazakrieg: Trumps Idee vom ewigen Frieden“ von Juliane Schäuble, 30. September 2025.



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