
Der Film „Sweet Charity“ aus dem Jahr 1969 ist weit mehr als nur ein Musical. Er ist eine visuell beeindruckende, emotional komplexe und choreografisch revolutionäre Studie einer unverbesserlichen Optimistin in einer zynischen Welt. Unter der Regie und Choreografie des legendären Bob Fosse wurde der Film zu einem Meilenstein des Tanzfilms, obwohl sein Erfolg an den Kinokassen zunächst ausblieb. Besonders eine Szene, der sogenannte „Rich Man’s Frug“, ist bis heute ein Paradebeispiel für Fosses einzigartigen Stil.
Worum geht es in dem Film?
Im Mittelpunkt steht Charity Hope Valentine (gespielt von der brillanten Shirley MacLaine), eine „Taxi-Tänzerin“ im New Yorker Nachtclub „Fandango Ballroom“. Ihr Job ist es, mit Männern gegen Geld zu tanzen und ihnen Gesellschaft zu leisten. Trotz ständiger Enttäuschungen und gebrochener Herzen klammert sich Charity an den naiven Glauben, eines Tages die wahre Liebe zu finden.
Ihre Reise ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle: Sie wird von ihrem Freund in einen See gestoßen und ausgeraubt, verbringt eine surreale Nacht in der Wohnung eines italienischen Filmstars und findet schließlich den neurotischen, schüchternen Oscar Lindquist, der ihr einen Heiratsantrag macht. Doch Charitys Vergangenheit und ihr mangelndes Selbstwertgefühl stehen ihrem Glück immer wieder im Weg. Der Film endet nicht mit einem klassischen Happy End, sondern mit einer bittersüßen Note, die Charitys ungebrochenen Lebensmut feiert.
Der „Rich Man’s Frug“: Ein Tanz der Gleichgültigkeit
Eine der berühmtesten und stilprägendsten Szenen des Films findet im eleganten „Pompeii Club“ statt. Hier beobachtet Charity die gelangweilte Oberschicht bei einem Tanz namens „The Rich Man’s Frug“. Diese Sequenz ist in drei Teile gegliedert: „The Aloof“ (Der Unnahbare), „The Heavyweight“ (Das Schwergewicht) und „The Big Finish“ (Das große Finale).
- Die Szene: Die Tänzer, angeführt von der ausdrucksstarken Haupttänzerin Suzanne Charny, bewegen sich mit einer fast roboterhaften, emotionslosen Präzision. Ihre Gesichter sind ausdruckslos, ihre Körper führen scharfe, abgehackte und stilisierte Bewegungen aus.
- Die Bedeutung: Dieser Tanz ist eine Satire auf die dekadente und oberflächliche Welt der Reichen. Es geht nicht um Freude oder Leidenschaft, sondern um Selbstdarstellung und coole Distanz. Die Choreografie von Bob Fosse fängt diese soziale Kälte perfekt ein: eingeknickte Knie, rollende Schultern, isolierte Hüftstöße und eine Haltung, die gleichzeitig arrogant und gelangweilt wirkt. Der Tanz ist der absolute Kontrast zu Charitys warmer, offener und manchmal ungeschickter Art.
Aufnahme damals und Relevanz heute
Damals (1969): „Sweet Charity“ war ein kommerzieller Misserfolg. Der Film war sehr teuer in der Produktion, spielte aber seine Kosten nicht wieder ein. Die Kritiken waren gemischt. Während Fosses Choreografie und Shirley MacLaines Darstellung einstimmig gelobt wurden, empfanden viele den Film als zu lang und den Ton als unentschlossen zwischen Komödie und Drama. Das für ein Musical untypische, offene Ende war für das damalige Publikum ungewohnt und trug zum mangelnden Erfolg bei.
Heute: Aus heutiger Sicht ist der Film zeitlos und relevanter denn je.
- Gesellschaftliche Passung: Die Themen des Films – die Suche nach Anerkennung, weibliche ökonomische Abhängigkeit und die Kluft zwischen Schein und Sein – sind hochaktuell. Charity ist eine Figur, die trotz widriger Umstände für ihre Unabhängigkeit kämpft. Die im „Rich Man’s Frug“ dargestellte emotionale Leere und performative Coolness der Oberschicht kann leicht als Kommentar auf die heutige Social-Media-Kultur verstanden werden, in der Selbstdarstellung oft wichtiger ist als authentische Gefühle.
- Künstlerische Wirkung: Fosses Tanzstil hat Generationen von Künstlern beeinflusst, von Michael Jackson bis Beyoncé. Die Tanzszenen in „Sweet Charity“ werden heute als Meisterwerke der Choreografie gefeiert. Sie sind nicht nur tänzerische Einlagen, sondern erzählen eine eigene Geschichte und kommentieren die Handlung.
Das Besondere an „Sweet Charity“
Was diesen Film so einzigartig macht, ist die perfekte Symbiose aus Erzählung und Tanz. Bob Fosse nutzt die Choreografie nicht als bloße Dekoration, sondern als Sprache. Jede Bewegung hat eine Bedeutung und enthüllt die inneren Zustände der Charaktere oder die Verfassung der Gesellschaft.
Das Besondere an den Tanzszenen, insbesondere dem „Rich Man’s Frug“, ist ihre kühne Stilisierung und ihr subversiver Witz. Fosse schuf Bilder von unvergesslicher visueller Kraft, die den Tanzfilm revolutionierten. Der Film ist ein Denkmal für die Widerstandsfähigkeit des menschlichen Geistes und ein zeitloses Kunstwerk, dessen innovative Kraft und emotionale Tiefe auch nach über 50 Jahren nichts von ihrer Wirkung verloren haben.
Hier als zusammengeschnittenes Video hinterlegt mit musikalischer Neuinterpretation von The Sexican:



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