Gefühlter Widerspruch

Ich stehe hier an der Reling, spüre die leichte Vibration der gewaltigen Motoren unter meinen Füßen und schaue hinunter auf das tiefblaue Wasser, das von unserem Schiff durchschnitten wird. Es ist ein absoluter Moloch. Eine Festung aus Stahl. Unter mir, auf den riesigen Parkdecks, stehen hunderte von Autos und Lastwagen. Allein die wiegen schon Tausende von Tonnen. Und dann dieser ganze Stahl, die Aufbauten, die Restaurants, die Kabinen.

Mein Kopf kennt die Erklärung dafür, dass dieses Ding schwimmt. Wirklich, ich habe es in der Schule gelernt. Es ist das Prinzip des Archimedes, die Sache mit der Wasserverdrängung. Ich weiß, dass dieser riesige, hohle Bauch des Schiffes eine unfassbare Menge Wasser zur Seite drückt. Und ich weiß, dass die Auftriebskraft, die von unten gegen den Rumpf drückt, genauso groß ist wie das Gewicht all dieses verdrängten Wassers. Solange das Schiff in seiner Gesamtheit leichter ist als diese riesige „Pfütze“, die es verdrängt, bleibt es an der Oberfläche. Der Trick ist die viele Luft im Rumpf, die die durchschnittliche Dichte des Kolosses geringer macht als die des Wassers.

Aber ganz ehrlich? Es hilft nichts.

Während ich hier stehe und die schiere Masse dieses Giganten fühle, erscheint mir die physikalische Erklärung wie eine abstrakte, theoretische Spitzfindigkeit. Mein Gefühl, mein Instinkt, mein ganzer Körper schreit: Das ist unmöglich! Stahl muss doch untergehen. So viel Gewicht an einem Fleck kann unmöglich von Wasser getragen werden. Es fühlt sich an, als würde man einem Naturgesetz dabei zusehen, wie es sich über alle Regeln hinwegsetzt.

Man kann es wissen, man kann es sogar erklären – aber es sich wirklich vorzustellen, hier an Bord, mitten auf dem Meer, ist eine ganz andere Sache. Es bleibt ein kleines Wunder, ein beeindruckender Triumph der Ingenieurskunst über den gesunden Menschenverstand.


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