
Erinnern wir uns kurz an 2015? An diese seltsame, fast surreale Zeit, als an deutschen Bahnhöfen geklatscht wurde? Als Menschen Teddybären und Wasserflaschen an andere Menschen verteilten, die nach einer unfassbaren Flucht hier ankamen? Das war die berühmte „Willkommenskultur“. Ein Moment, in dem Deutschland mal nicht der griesgrämige Weltmeister im Sorgenfalten-Tragen war, sondern kurz dachte: Wir schaffen das.
Und heute? Heute hat man das Gefühl, das Land hat einen kollektiven Gedächtnisverlust erlitten und leidet stattdessen unter Phantomschmerzen. Die Zahl ausländerfeindlicher Straftaten explodiert. Menschen, die seit Jahren hier leben, arbeiten und ihre Kinder großziehen, fühlen sich nicht mehr sicher. Eine Stimmung der Angst und des Misstrauens hat sich wie ein öliger Film über das Land gelegt.
Was ist passiert? War die Willkommenskultur ein naiver Fehler? Ein „links-grünes“ Hippie-Projekt, das scheitern musste?
Nein. Die Willkommenskultur ist nicht das Problem. Das Problem ist die professionell organisierte Zerstörung dieser Kultur. Das Problem sind diejenigen, die aus Angst politisches Kapital schlagen. Und da müssen wir ganz konkret werden: Das Problem hat einen Namen, und der hat drei Buchstaben.
Die Meister der Angst
Die AfD war 2015 praktisch klinisch tot. Eine zerstrittene Professorenpartei, die sich am Euro abarbeitete. Doch dann entdeckte sie ein viel emotionaleres, viel wirkungsvolleres Geschäftsmodell: die Angst vor dem Fremden. Es war ein Geniestreich der politischen Brandstiftung. Man nehme die Verunsicherung in der Bevölkerung, gieße ordentlich Öl in Form von Fake-News, Halbwahrheiten und rassistischen Parolen ins Feuer und präsentiere sich dann als die einzige Feuerwehr, die diesen Brand löschen kann.
Plötzlich war nicht mehr von Menschen die Rede, sondern von „Flüchtlingsströmen“. Nicht von Einzelschicksalen, sondern von einer „Massenzuwanderung“, die angeblich unsere Kultur, unsere Sicherheit und unseren Wohlstand bedroht. Jede Straftat, die von einem Zugewanderten begangen wurde, wurde zum Beweis für das totale Staatsversagen. Jeder noch so kleine Konflikt wurde zur kulturellen Apokalypse hochgejazzt. Es ist ein perfides Spiel: Erst schürt man die Panik, dann verkauft man die Beruhigungspillen – in Form von einfachen Antworten und harten Grenzen.
Das Absurdeste daran ist ja die Behauptung, die AfD würde Deutschland „retten“ oder „wiederherstellen“. In Wahrheit hat keine andere politische Kraft in den letzten Jahren so systematisch an der Spaltung und Zersetzung der Gesellschaft gearbeitet. Sie treibt einen Keil zwischen Stadt und Land, zwischen Ost und West, zwischen „Bio-Deutsche“ und solche mit „Migrationshintergrund“. Ihr Hass ist kein Ventil für „berechtigte Sorgen“, er ist das eigentliche Gift. Er vergiftet das Klima in Schulen, in Vereinen, auf der Straße. Er führt dazu, dass Menschen auf Sylt rassistische Parolen grölen und sich dabei schick vorkommen. Er führt dazu, dass ein Nachbar seine Nachbarin ersticht und die Familie sich fragt, ob es Rassismus war – während die Justiz oft „keine Anhaltspunkte“ findet.
Ein Land schafft sich ab – aber anders als gedacht
Die Ironie könnte zynischer nicht sein: Die Partei, die ständig vom „Selbsthass“ der Deutschen und der „Abschaffung Deutschlands“ fabuliert, ist selbst der größte Motor dieser Abschaffung. Sie schafft das Deutschland ab, das weltoffen und wirtschaftlich erfolgreich war. Sie schafft das Deutschland ab, das aus seiner Geschichte gelernt zu haben schien. Sie schafft den Anstand ab, den Respekt, die Fähigkeit zur Differenzierung.
Am Ende ist es ganz einfach: Nicht die Menschen, die 2015 kamen, sind die Gefahr. Die wahre Gefahr sind die politischen Brandstifter, die uns einreden wollen, dass Angst eine bessere Grundlage für eine Gesellschaft ist als Mitgefühl und Vernunft. Die Willkommenskultur war kein Fehler. Der Fehler ist, denen zuzuhören, deren einziges Programm Hass und Hetze ist.
Quelle: Die in diesem Essay vertretenen Thesen und Fakten beziehen sich auf die Analyse des Artikels „Rechte Gewalt: Ein Land in Angst“ von Vanessa Vu, erschienen in der ZEIT.



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