
Donald Trump will also in Chicago „aufräumen“. Mit der Nationalgarde. Tausende Soldaten könnten schon bald in die „windy city“ entsandt werden, um, so die offizielle Lesart, die „eskalierende Kriminalität“ zu bekämpfen. Doch wer auch nur einen flüchtigen Blick hinter die polierten Fassaden der Macht wirft, erkennt schnell: Hier geht es um weit mehr als um ein paar Kriminalitätsstatistiken. Es geht um eine brachiale Machtdemonstration, um die gezielte Demütigung politischer Gegner und möglicherweise um einen Testlauf für etwas viel Größeres. Was also hat Trump wirklich vor?
Analyse: Recht, Ordnung und eine Prise Autoritarismus
Die Begründung für den geplanten Einsatz klingt zunächst fast schon fürsorglich. Die Regierung will für Recht und Ordnung sorgen, die Bürger schützen. Ein Narrativ, das bei seiner Wählerschaft seit jeher verfängt. Doch die Details und Trumps eigene Worte erzählen eine ganz andere Geschichte. Er spricht von „Chaos“ in Chicago, verspottet öffentlich den demokratischen Bürgermeister Brandon Johnson und kündigt martialisch an: „Und diese werden wir wahrscheinlich als Nächstes in Ordnung bringen.“ Das klingt weniger nach besorgter Staatsführung als vielmehr nach einer unverhohlenen Drohung.
Es ist ein Muster, das sich wiederholt. Zuerst Los Angeles, dann Washington, D.C. und nun Chicago. Allesamt Hochburgen der Demokraten. Der Gouverneur von Illinois, J.B. Pritzker, bringt es auf den Punkt, wenn er sagt, Trump nutze diese Städte als „Testgelände für autoritäre Übergriffe“. Es geht darum, demokratisch gewählte Institutionen zu untergraben und allen zu zeigen, wer das Sagen im Land hat. Die Nationalgarde, eigentlich eine militärische Reserveeinheit, wird hier zu einer Art Privatarmee des Präsidenten umfunktioniert, die er nach Belieben gegen politisch unliebsame Enklaven einsetzen kann.
Das Ganze fügt sich nahtlos in ein größeres, düsteres Bild ein, das von Kritikern als „Project 2025“ bezeichnet wird – ein detaillierter Plan zur Gleichschaltung des Staatsapparates und zur Zementierung der Macht in den Händen der Exekutive. Die Kommentare unter dem Artikel der ZEIT zeigen, dass viele Bürger diese Gefahr klar erkennen. Sie sprechen von „Machtergreifung“, von der Unterdrückung der Opposition und ziehen beunruhigende historische Parallelen.
Zyniker könnten anmerken, dass Trump hier nur konsequent ist. Ein Präsident, der einst einen Sturm auf das Kapitol mit Wohlwollen begleitete und die Randalierer später begnadigte, hat offensichtlich ein sehr… nun ja, flexibles Verständnis von „Recht und Ordnung“. Die Ironie, dass die Kriminalitätsraten in von Republikanern regierten „red states“ statistisch gesehen oft höher sind, scheint dabei niemanden im Weißen Haus zu stören. Aber Fakten waren gestern.
Was wirklich dahintersteckt
Es geht also nicht primär um die Kriminalität in Chicago. Diese ist nur der willkommene Vorwand. In Wahrheit geht es darum, die Grenzen des Sag- und Machbaren systematisch zu verschieben. Jeder Einsatz der Nationalgarde gegen den Willen der lokalen Behörden ist ein weiterer Nagel im Sarg föderaler Prinzipien und ein weiterer Schritt hin zu einem zentralisierten, autoritären Staat. Es ist eine Gewöhnungstaktik. Die Bürger sollen sich an den Anblick von Soldaten auf ihren Straßen gewöhnen, damit es beim nächsten, vielleicht noch drastischeren Schritt, kaum noch jemanden überrascht.
Trump inszeniert sich als starker Mann, der durchgreift, während die Demokraten angeblich im Chaos versinken. Eine simple, aber für seine Anhänger extrem wirkungsvolle Botschaft. Die öffentliche Demütigung seiner politischen Gegner ist dabei ein kalkulierter und willkommener Nebeneffekt. Er demonstriert, dass er ihre Macht jederzeit brechen kann.
Doch was passiert, wenn die Nationalgarde erst einmal in Chicago ist? Was ist der nächste logische Schritt, wenn man beginnt, Städte unter Bundeskontrolle zu stellen, nur weil einem deren politische Ausrichtung nicht gefällt? Die Pläne liegen wohl längst in der Schublade, und Chicago könnte nur der Anfang sein, bevor das ganze Land zur Bühne wird.
Quelle: DIE ZEIT, dpa, lp (basierend auf einem Bericht der „Washington Post“ vom 24. August 2025)



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