Sie steigen in den Bus, und wir wissen nicht, ob wir sie jemals wiedersehen

Es ist ein surrealer Moment. Die Bustür zischt zu, und an der Haltestelle bleiben meine Frau und ich zurück. In unseren Herzen eine bleierne Schwere, in den Augen Tränen, die wir kaum zurückhalten können. Zweieinhalb Wochen waren sie da, die Eltern meiner Frau, meine Schwiegereltern aus Lviv. Zweieinhalb Wochen, die sich angefühlt haben wie eine Insel des Friedens in einem tosenden Meer aus Wahnsinn.

Wir waren im Urlaub, haben gelacht, die Sonne genossen, die Normalität aufgesogen wie ein trockener Schwamm. Für einen kurzen, kostbaren Moment konnten sie die ständige Angst, die Sirenen und die Nachrichten von der Front vergessen. Sie haben sich erholt, ein wenig Kraft getankt. Aber diese Kraft, wofür ist sie? Sie ist für die Rückkehr. Die Rückkehr in einen Krieg, der keine Pause kennt.

Und während wir hier stehen, mit unserem ganz persönlichen Schmerz des Abschieds, schießen mir die brutalen, kalten Fakten durch den Kopf, die ich erst vor kurzem recherchiert habe. Es ist ein bizarrer Kontrast. Unsere ganz private Tragödie, eingebettet in die riesige, unpersönliche Statistik des Krieges.

Wir schicken unsere Liebsten zurück in ein Land, das unaufhörlich angegriffen wird. Und warum? Weil auf der russischen Seite eine erschreckend hohe Zahl von Menschen diesen Angriffskrieg unterstützt. Umfragen zeigen, dass die Unterstützung für die Handlungen der russischen Streitkräfte in der russischen Bevölkerung weiterhin hoch ist. Während meine Schwiegereltern um ihr Leben fürchten, klickt anderswo jemand auf „Gefällt mir“ bei einer Propagandameldung.

Sie fahren zurück nach Lviv. Eine Stadt, die erst in der vergangenen Woche wieder Ziel eines Angriffs wurde. Am 21. August schlug dort eine russische Rakete ein, tötete einen Menschen und verletzte drei weitere. Das ist keine abstrakte Gefahr mehr. Das ist die konkrete, fassbare Realität, in die dieser Bus gerade hineinrollt. Es ist die Realität von hunderten Drohnen und Raketen, die jede Woche auf ukrainische Städte abgefeuert werden.

Unsere zweieinhalb Wochen Frieden fühlen sich plötzlich an wie ein gestohlener Moment, eine Illusion. Wir durften Normalität spielen, während die Bedrohung nie wirklich weg war. Und nun endet das Stück. Der Vorhang fällt. Sie fahren zurück, und wir bleiben zurück. Mit der Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit, einem schlechten Gewissen für unsere Sicherheit und einer furchtbaren, nagenden Angst, die uns die Kehle zuschnürt. Der Bus fährt an, zieht auf die Straße, und sie winken aus dem kleinen Fenster. Und wir winken zurück, in eine ungewisse Zukunft.


Entdecke mehr von god.fish

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.


Kommentare

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von god.fish

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen