
Machen wir uns nichts vor. Im Westen gibt es diese klammheimliche, fast schon rührend naive Hoffnung: Sobald Wladimir Putin von der Bühne verschwindet – sei es durch einen Palastputsch, biologische Ursachen oder weil er auf einem Bären reitend in den Sonnenuntergang entschwindet –, wird alles gut. Dann, so die Träumerei, erwacht der russische Bär aus seinem bösen Rausch, schüttelt sich einmal kräftig und wird zu einem kuscheligen Teddy, der über Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und gute Nachbarschaft sinniert.
Vergesst es einfach.
Diese Vorstellung ist nicht nur falsch, sie ist gefährlich, weil sie die wahre Natur des Problems ignoriert. Putin ist nicht die Krankheit. Er ist nur das aktuellste und sichtbarste Symptom einer Krankheit, die viel tiefer sitzt: dem russischen Imperialismus. Und der hat eine Tradition, die Putins Amtszeit um ein paar Jahrhunderte überdauert.
Das Imperium im Kopf ist keine neue App
Wer glaubt, die Obsession von „Einflusssphären“ und die Weigerung, die Ukraine als echte Nation anzuerkennen, sei eine Erfindung Putins, hat im Geschichtsunterricht geschlafen. Das Mantra von der „Sammlung der russischen Erde“ ist ein Dauerbrenner der Moskauer Politik, seit die Zaren im 15. Jahrhundert damit angefangen haben. Peter der Große, Katharina die Große – sie alle haben das Imperium mit Gewalt und ohne mit der Wimper zu zucken ausgedehnt.
Oben drauf kam die coole Story vom „Dritten Rom“: die Idee, dass Moskau der letzte Hort des wahren Glaubens und einer überlegenen Zivilisation sei, während der Rest der Welt, allen voran der Westen, in Dekadenz versinkt. Dieser Mix aus religiösem Messianismus und nationaler Überheblichkeit ist ein verdammt potenter Cocktail. Er erlaubt es dir, deine Nachbarn zu überfallen und es sich selbst als Akt der Erlösung zu verkaufen. Diese Denkweise ist so tief in der kulturellen DNA verankert, dass sie selbst den Atheismus der Sowjets überlebt hat.
Kolonialismus für Profis: Wie man ein Imperium versteckt
Der russische Imperialismus hatte immer einen cleveren Trick auf Lager, der ihn von den Briten oder Franzosen unterschied. Es gab keine Schiffe, keine fernen Kontinente. Man hat einfach über Land expandiert und die eroberten Gebiete direkt einverleibt. Die Ukraine, der Kaukasus, Zentralasien – alles wurde zum „eigenen“ Territorium.
Das Ergebnis? Die Grenze zwischen Kolonie und Mutterland verschwimmt. Unterdrückung wird zur „Normalisierung“, Russifizierung zum „zivilisatorischen Projekt“. Praktisch, oder? Man ist ein Imperium, ohne den schlechten Ruf eines Kolonialherrn zu haben. Selbst die Sowjetunion, die angeblich das „Völkergefängnis“ des Zarenreichs zerstören wollte, hat am Ende nur die Tapeten gewechselt. Die Zentrale blieb Moskau, die dominante Sprache Russisch und der Rest hatte zu folgen. Kein Wunder, dass der Zusammenbruch der UdSSR von vielen nicht als Befreiung, sondern als traumatische Amputation des eigenen Körpers empfunden wird. Ein Phantomschmerz, den Putin meisterhaft zu nutzen weiß.
Das Volk? Findet’s gar nicht so schlecht
Und was ist mit den 140 Millionen Russen? Sind die alle nur Opfer der Propaganda? Teilweise, ja. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Für viele (nämlich 74% laut dem russischen Meinungsforschungsinstitut Lewada, Stand Juni 2025) bietet das Imperium etwas, was der Alltag nicht hergibt: Stolz, eine Mission, eine Identität. Es ist das Gefühl, Teil von etwas Großem und Gefürchtetem zu sein, anstatt nur ein weiteres, mittelmäßig erfolgreiches Land mit schlechten Straßen zu bewohnen.
Die hohe Zustimmung zum Krieg ist deshalb kein reiner Ausdruck von Gehirnwäsche. Sie ist auch ein Zeichen dafür, dass das imperiale Angebot verfängt. Die Erzählung, eine „belagerte Festung“ zu sein, die sich gegen einen feindlichen Westen wehrt, ist verführerisch und bequem zugleich. Sie schweißt zusammen und entbindet einen von der Pflicht, sich mit den eigenen Problemen auseinanderzusetzen.
Was kommt nach Putin? Wahrscheinlich mehr vom Gleichen.
Selbst wenn Putin morgen fällt, bleibt dieses Mindset bestehen. Es bleibt die tiefe Überzeugung, dass Russland nur als Imperium wirklich es selbst sein kann. Es bleiben die Eliten in Militär und Geheimdiensten, die in genau dieser Denkschule ausgebildet wurden. Es bleibt eine Bevölkerung, für die nationale Größe wichtiger ist als individuelle Freiheit.
Ein Nachfolger, egal wer es ist, wird sich auf dieses Fundament stützen müssen, um Macht zu erlangen und zu erhalten. Vielleicht wird er smarter, charmanter oder weniger offensichtlich aggressiv sein. Aber die strategischen Ziele – Dominanz über die Nachbarn, Konfrontation mit dem Westen, die Wiederherstellung des Imperiums – werden bleiben.
Der Westen muss also aufwachen und seine Hausaufgaben machen. Die Gefahr aus Moskau ist strukturell, nicht personengebunden. Wir müssen uns auf eine lange, frostige Ära der Konfrontation einstellen und unsere Strategien darauf ausrichten. Alles andere ist Wunschdenken. Und darauf einen Wodka. Oder besser nicht.
Quellen (Auswahl basierend auf der Recherche):
- Bundeszentrale für politische Bildung (bpb.de): Diverse Analysen zur historischen Entwicklung des russischen Imperialismus, z.B. im Dossier „Russland“ und den „Russland-Analysen“. Insbesondere Artikel zur imperialen Last und zur nationalen Sicherheitsstrategie.
- Geschichte der Gegenwart (geschichtedergegenwart.ch): Ein Portal mit tiefgehenden Essays von Historikern, das die Kontinuitäten des russischen Imperialismus bis in die heutige Zeit detailliert beleuchtet.
- Der Pragmaticus: Artikel und Analysen, die sich mit der gezielten Leugnung der ukrainischen nationalen Identität durch Russland als Teil der imperialen Strategie befassen.
- Blätter für deutsche und internationale Politik: Analysen zur russischen Staatsräson und der Sicherheitsdoktrin, die den Westen explizit als Feindbild und Gefahr definieren.
- Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP): Umfassende Studien und Kurzanalysen zur russischen Außen- und Sicherheitspolitik, die die ideologischen Grundlagen des Handelns des Kremls untersuchen.



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