Russlands Imperialismus als „Kultur“

Der brutale russische Angriffskrieg gegen die Ukraine rückt die Frage nach den Grundzügen russischer Politik und Selbstdarstellung in den Vordergrund. Die These, Russlands Handeln sei primär von imperialen Motiven geleitet und dies stelle einen zentralen Wesenszug dar, bedarf einer politischen und geschichtlichen Einordnung.

Russlands Geschichte ist maßgeblich durch eine fast kontinuierliche territoriale Expansion und das Streben nach Dominanz in seinem Umfeld gekennzeichnet. Dies begann bereits mit dem Aufstieg des Moskauer Großfürstentums, setzte sich im russischen Zarenreich fort und fand auch in der Sowjetunion – trotz anderer ideologischer Vorzeichen – in vielerlei Hinsicht eine Fortsetzung. Dieses historische Muster des Landgewinns und der Unterwerfung anderer Völker ist ein zentraler Pfeiler des russischen Staatsverständnisses.

Dieses Streben nach Erweiterung und Einfluss war und ist oft verbunden mit:

  • Der Suche nach strategischer Tiefe und sogenannten „Pufferzonen“.
  • Dem Zugriff auf Ressourcen.
  • Einem missionarischen Selbstverständnis, das sich in Konzepten wie dem „Dritten Rom“, dem Panslawismus oder heute dem Narrativ der „Russischen Welt“ (Russki Mir) äußert. Diese Ideen dienen oft der Legitimation imperialer Ansprüche.

Diese tief verwurzelte imperiale Tradition hat das Staatsverständnis, die Außenpolitik und auch das nationale Selbstbild Russlands entscheidend geformt.

In der russischen Gegenwart sehen wir, wie die aktuelle Führung bewusst an diese imperialen Narrative anknüpft. Der Krieg gegen die Ukraine wird von vielen internationalen Beobachtern als klarer Ausdruck eines neo-imperialen Projekts gewertet. Dieses Projekt stellt die Souveränität benachbarter Staaten offen in Frage und zielt darauf ab, eine russische Einflusssphäre wiederherzustellen oder auszubauen. Die Rechtfertigung dieses Krieges stützt sich dabei häufig auf stark verzerrte Darstellungen der Geschichte und die Behauptung einer besonderen historischen Mission Russlands.

Die Wahrnehmung, dass der Imperialismus die russische Kultur im politischen Sinne dominiert, wird durch die aggressive Außenpolitik und die Unterdrückung im Inneren genährt. Es ist unbestreitbar, dass imperiales Denken und imperiale Praktiken die politische Kultur und das Handeln des russischen Staates über Jahrhunderte hinweg sehr stark geprägt haben und dies auch heute in erschreckender Weise tun. Aus der Perspektive der von russischer Aggression betroffenen Staaten und vieler externer Beobachter erscheint dieser staatlich gelenkte und propagierte Imperialismus oft als das alles überschattende Merkmal – insbesondere, wenn er sich so brutal und zerstörerisch äußert wie im aktuellen Krieg.

Die imperiale Tradition ist ein ganz zentraler und äußerst wirkmächtiger Faktor in der russischen Geschichte und der gegenwärtigen Politik des Kremls. Der Angriffskrieg gegen die Ukraine ist eine fürchterliche und unmissverständliche Manifestation dieser fortdauernden imperialen Bestrebungen. Im Bereich der staatlichen Politik, der militärischen Doktrin und des nationalen Selbstverständnisses, wie es von der Führung propagiert wird, ist der Imperialismus tatsächlich eine dominante und zutiefst zerstörerische Kraft.


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