
Die Zerstörung des Gazastreifens und das Leid der Zivilbevölkerung rufen weltweit Entsetzen hervor. Inmitten dieser Tragödie stellt sich für viele die Frage, wie theologische Überzeugungen die Stellungnahme zu politischen Konflikten beeinflussen – oder eben nicht. Insbesondere die vermeintliche Zurückhaltung mancher Pastoren, die Israel aufgrund der Erwählung des jüdischen Volkes als unantastbar ansehen, wirft drängende Fragen auf. Dieser Artikel beleuchtet die theologiegeschichtliche Dimension dieses Spannungsfeldes und plädiert für eine differenzierte theologische Positionierung, die den universellen Anspruch christlicher Ethik ernst nimmt.
Die biblische Lehre von der Erwählung Israels ist unbestreitbar zentral für das Selbstverständnis des Judentums und hat auch im christlichen Glauben einen festen Platz. Die Vorstellung, dass Gott Israel als sein besonderes Volk erwählt hat, ist tief in den Schriften verwurzelt. Doch wie verhält sich diese theologische Wahrheit zu den komplexen politischen Realitäten des 21. Jahrhunderts? Die Gefahr einer undifferenzierten Lesart besteht darin, dass die theologische Erwählung mit einer kritikresistenten politischen Legitimation gleichgesetzt wird.
Schon im Alten Testament finden sich Propheten, die Kritik an den politischen und sozialen Verhältnissen in Israel übten, gerade weil sie Gottes Bundestreue und Gerechtigkeit einklagten. So spricht etwa der Prophet Amos klare Worte gegen soziale Ungerechtigkeit: „Sie verkaufen den Gerechten für Geld und den Armen für ein Paar Schuhe“ (Amos 2,6). Diese prophetische Tradition mahnt, dass auch ein erwähltes Volk nicht von moralischer Verantwortung entbunden ist.
Im Neuen Testament, insbesondere im paulinischen Denken, wird die Erwählung Israels nicht aufgehoben, sondern im Licht der Heilsgeschichte Gottes mit der ganzen Menschheit neu gedeutet. Paulus ringt in Römer 9-11 intensiv mit der Frage nach Israels Rolle und betont gleichzeitig, dass Gott alle Menschen zur Erlösung ruft. Die universale Reichweite der Liebe Gottes ist ein Kernaspekt des christlichen Glaubens. „Denn es ist kein Unterschied zwischen Juden und Griechen; denn derselbe Herr ist Herr über alle und ist reich für alle, die ihn anrufen“ (Römer 10,12). Diese theologische Weite darf nicht durch eine partikularistische Perspektive eingeengt werden, die ethische Verantwortung vor den Toren Israels enden lässt.
Die Theologiegeschichte zeigt, dass das Verhältnis von Kirche und Staat, von Glaube und Politik immer wieder neu ausgelotet werden musste. Persönlichkeiten wie Augustinus von Hippo unterschieden in seinem Werk De civitate Dei zwischen der „civitas terrena“ (irdischen Stadt) und der „civitas Dei“ (Gottesstadt), wodurch er eine theologische Grundlage für die Kritik an weltlicher Macht schuf. Auch wenn seine Theologie nicht direkt auf moderne Staaten anwendbar ist, so liefert sie doch den wichtigen Gedanken, dass kein irdisches Reich perfekt ist und daher der kritischen Reflexion unterliegt.
In der Neuzeit haben Theologen wie Karl Barth die Gefahr einer Verwechslung von Gottesreich und irdischen politischen Systemen scharf kritisiert. Im Angesicht des Nationalsozialismus warnte Barth eindringlich davor, theologische Begründungen für politische Ideologien zu missbrauchen. Seine Barmer Theologische Erklärung von 1934, die sich gegen die Gleichschaltung der Kirche mit dem NS-Regime wandte, ist ein mahnendes Beispiel dafür, dass christlicher Glaube zur prophetischen Kritik an Ungerechtigkeit und Unrecht verpflichtet. „Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche in der Art menschlicher Willkür die Botschaft und Ordnung ihres Auftrags in den Dienst beliebig gewählter Wünsche, Zwecke und Pläne stellen“ (Barmer Theologische Erklärung, These 2). Dies impliziert auch, dass eine theologische Rechtfertigung von Kriegen oder die Duldung von Leid, die nicht mit den universellen ethischen Prinzipien des Evangeliums vereinbar sind, in Frage gestellt werden muss.
Die Unterscheidung zwischen dem Staat Israel als politischer Entität und dem jüdischen Volk als theologischem Begriff ist von entscheidender Bedeutung. Der Staat Israel ist, wie jeder andere Staat auch, an internationales Recht und universelle Menschenrechtsstandards gebunden. Die Politik der Regierung Netanjahu, die vor dem 7. Oktober 2023 durch Versuche der Demontage demokratischer Institutionen und der Errichtung einer möglichen Autokratie auffiel, muss kritisch betrachtet werden, unabhängig von der religiösen Identität ihrer Bürger. Es ist eine theologische Fehlentwicklung, die Handlungen einer Regierung oder einer Armee pauschal mit der göttlichen Erwählung gleichzusetzen und somit einer Kritik zu entziehen.
Ein Pastor, der die biblische Erwählung ernst nimmt, ist daher keineswegs von der Pflicht entbunden, sich zu äußern, wenn Menschenleben in Gefahr sind und Leid verursacht wird. Im Gegenteil: Die christliche Ethik, die sich in der Bergpredigt Jesu manifestiert, ruft zur Nächstenliebe und zum Einsatz für Gerechtigkeit auf – und dies ohne Ansehen der Person oder Nationalität. „Selig sind, die da hungern und dürsten nach Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden“ (Matthäus 5,6).
Die Haltung, die Zerstörung des Gazastreifens hinzunehmen oder zu ignorieren, weil „die Juden das auserwählte Volk“ seien, stellt eine schwerwiegende theologische und ethische Verfehlung dar. Sie ignoriert den Aufruf zur Barmherzigkeit und Solidarität mit den Leidenden, der im Zentrum der christlichen Botschaft steht. Es gilt, zwischen theologischer Verbundenheit mit dem jüdischen Volk und der politischen Kritik am Handeln eines Staates klar zu unterscheiden. Eine solche Differenzierung ist nicht nur theologisch geboten, sondern auch ethisch unerlässlich, um das Leiden der palästinensischen Zivilbevölkerung nicht zu relativieren oder zu ignorieren. Die Kirche ist aufgerufen, prophetische Stimme zu sein und für Frieden und Gerechtigkeit einzutreten, wo immer Unrecht geschieht.



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