
Man kennt das ja, dieses einzigartige Phänomen namens „Prinzip Trump“. Es ist eine faszinierende Mischung aus Donnerwetter und dezentem Rückzug, eine Art politisches Ballett, bei dem der Solist erst mit maximaler Kraft auf den Tisch haut, nur um sich dann leise aus dem Staub zu machen. Vor allem in der Wirtschaft scheint diese Taktik zur hohen Kunst erhoben worden zu sein.
Da posaunte der Mann mit der markanten Frisur am 2. April 2025 im Rosengarten des Weißen Hauses noch großspurig von einem „Tag der Befreiung„. Die Vereinigten Staaten würden endlich der verhassten „Ausbeutung“ durch den Rest der Welt ein Ende setzen! Strafzölle sollten das Wundermittel sein. Getreu seinem Mantra, man müsse „groß denken„, wenn man schon denkt, lieferte Trump hier eine Inszenierung ab, die ihresgleichen suchte. Die Welt hielt den Atem an, die Märkte spielten verrückt. Der Handelskrieg schien die nächste Stufe erreicht zu haben.
Doch wie so oft folgte auf das große Getöse die leise Einsicht – oder zumindest der pragmatische Schritt zurück. Plötzlich wurden im Stillen Deals ausgehandelt, erst mit Großbritannien, dann mit China, die de facto eine teilweise Rolle rückwärts bedeuteten. Eine Art kontrolliertes Zurückschrauben der Zölle, die er kurz zuvor erst in die Höhe getrieben hatte. Und siehe da, die Finanzmärkte atmeten auf. Der Dow Jones kletterte, der Nasdaq schoss nach oben. Die düsteren Rezessionsprognosen wurden hastig einkassiert. War das also der geniale Schachzug? Hat der Meisterstratege die Märkte nur getestet?
Aus nüchtern-ökonomischer Sicht war es vor allem eines: das Löschen eines Feuers, das er selbst gelegt hatte. Der Deal mit China stellte laut Beobachtern im Kern den Zustand von vor dem „Tag der Befreiung“ wieder her, zumindest temporär. Die Chinesen gaben kaum echte Zugeständnisse. Stattdessen wurde Trumps „Sieg“ als Abbau seiner eigenen Sonderzölle gefeiert. Es ist ein Muster, das zynische Börsianer längst als „taco-trade“ verspotten – ein Akronym für „Trump always chickens out“ – “ Trump gibt immer klein bei“. Selbst seriöse Blätter wie das „Wall Street Journal“ sprachen von einer „Kapitulation“ des Präsidenten im Zollkonflikt.
Sicher, ein paar Wochen sinkende Kurse bringen eine Volkswirtschaft nicht sofort um. Das Perfide an dieser erratischen Handelspolitik ist der langfristige Schaden. Unberechenbarkeit ist Gift für jedes Unternehmen, das auf eine solide Investitionsplanung angewiesen ist. Niemand weiß, wann die nächste Zoll-Attacke kommt und wie lange der Präsident diesmal durchhält, bevor er wieder blinzelt. Und selbst nach den „Deals“ ist das amerikanische Zollniveau mit 17,8 Prozent immer noch historisch hoch, der höchste Wert seit 1934. Das macht Jahrzehnte der Handelsliberalisierung de facto zunichte. Die Konsequenz: langfristig niedrigere Wachstumsraten und höhere Inflationsraten. Ganz zu schweigen davon, dass die Zölle das ausufernde Staatsdefizit nicht im Ansatz decken können.
Politisch jedoch könnte diese Inszenierung aufgehen. Die Show für die Basis ist wichtiger als wirtschaftliche Details, die eh kaum jemand versteht. Solange die unmittelbare Wirtschaftskrise abgewendet scheint – eine Krise, die er selbst heraufbeschwor – sind seine Anhänger wohl zufrieden. Die Medien, oder zumindest Teile davon, spielen bereitwillig mit und verkaufen die Teilrückzüge als Triumph. So scheint es, als könne Trump erheblichen ökonomischen Schaden anrichten, ohne dass dieser ihm politisch um die Ohren fliegt – jedenfalls noch nicht.
Die Frage bleibt, und sie ist beunruhigend: Ist das die neue Normalität? Ein Präsident, der die Wirtschaft als Bühne für sein Ego benutzt, sie destabilisiert, nur um dann das Schlimmste zu verhindern, und dies als Erfolg verkauft? Das ultimative Wirtschaftstheater mag für die Zuschauer unter seinen Anhängern unterhaltsam sein, doch die Kosten für die langfristige Gesundheit der US-Wirtschaft könnten immens sein.
Quelle: Basierend auf einem Artikel von Mark Schieritz, ZEIT ONLINE, 15. Mai 2025.



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