
Wer hier wohl halluziniert?
Ein Video mit drei Staatschefs – Friedrich Merz, Emmanuel Macron und Keir Starmer – auf dem Weg nach Kyjiw, ein Zahnstocher, ein Taschentuch und ein Hauch von guter Laune reichen aus, um das halbe Internet in Ekstase zu versetzen: Koks-Alarm! Der Kreml verbreitet das Gerücht, die westlichen Staatsmänner hätten sich auf ihrer Ukrainereise eine Nase gegönnt. Was wirklich zu sehen ist? Nichts. Was man sehen will? Alles. Was das über die russische Informationspolitik sagt? Eine ganze Menge. Und vielleicht auch über den Zustand im Kreml selbst.
Die eigentliche Schnupfnase sitzt in Moskau.
Denn wer mit billiger Photoshop-Fantasie aus einem Zahnstocher ein „Schnupfrohr“ macht und aus einem zerknüllten Tuch ein „Kokainpäckchen“, sollte vielleicht selbst mal einen Drogentest machen. Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Marija Sacharowa, war jedenfalls schnell dabei, das Gerücht zu streuen – und wurde sogleich von Verschwörungskünstler Alex Jones und rechten Politiker*innen aus AfD und FPÖ bejubelt. Das passt.
Denn was tun, wenn der Westen zu solidarisch, zu entschlossen und zu professionell wirkt?
Richtig: Man wirft mit Dreck – oder besser: mit pulverisiertem Dreck. Ganz nach dem Prinzip: Wenn du nichts gegen die Realität tun kannst, erfinde eine andere. Und während Merz, Macron und Starmer versuchen, der Ukraine beizustehen, halluziniert Moskau sich die Welt, wie sie Putin gefällt – inklusive Party im ICE nach Kyjiw.
Der Elefant im Kremlzimmer:
Man könnte sich auch mal die Gegenfrage erlauben: Wer kokst hier eigentlich wirklich? Vielleicht ist das ja gar kein schlichter Propagandazug, sondern ein echter Nase-voll-Russland-Moment? Man stelle sich nur mal vor, Putin und seine Truppe ziehen sich vor der nächsten Pressekonferenz ein paar Linien „Vaterländischen Patriotismus“ rein, gebunkert in den Schubladen der Staatsmedien.
Denn wer in einem harmlosen Video eine Drogenorgie erkennt, der muss entweder unter akuter Realitätsverzerrung leiden – oder wirklich hochgradig auf Stoff sein.
Wenn man auf einem Konferenztisch mit Fantasie Linien erkennt, ist das keine Nachricht, sondern ein Symptom. Und wer das mit voller Überzeugung verbreitet, gehört nicht in den Nachrichtenticker, sondern vielleicht in den Entzug.
Quelle: ZEIT ONLINE, Kommentar von Florian Eichel, „Eine Line Dementi“, 13. Mai 2025



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