
Wieder ist es so weit: Heute Nacht wird die Zeit umgestellt. Genauer gesagt: uns wird eine Stunde entwendet, spurlos, unaufhaltsam, bürokratisch legitimiert. Um 2 Uhr ist plötzlich 3 Uhr – und keiner schreit „Haltet den Dieb!“.
Der Verlust ist real. Menschen, die bedauerlicherweise vor 3 Uhr sterben, aber nach 2 Uhr, verschwinden in eine Art temporales Vakuum. Sie scheiden aus dem Leben eine Stunde früher, als ihnen eigentlich zustünde – statistisch betrachtet ein gravierender Eingriff in die Menschenwürde. Und das Ganze passiert zu einer Zeit, die genau genommen überhaupt nicht existiert.
Wer früh aufsteht, steht morgen eine Stunde zu früh auf, ohne es zu merken. Wer ausschläft, hat eine Stunde weniger verschlafen. Und wer pünktlich sein will, hat sich heute Nacht besser mit Atomuhren synchronisiert, denn sonst droht: soziale Ächtung.
Was motiviert dieses Schauspiel? Ursprünglich war es der Energiespargedanke, der schon 1916 den Deutschen in den Sinn kam. Heute weiß man: Es spart keine Energie. Aber wie so viele schlechte Ideen lebt auch diese von Gewohnheit und schlechtem EU-Kompromissmanagement.
Und warum genau zwischen 2 und 3 Uhr? Weil um diese Zeit nur Menschen wach sind, die entweder Schicht arbeiten, Jetlag haben oder freiwillig um diese Uhrzeit Podcasts aufnehmen. Letztere trifft es besonders hart. Ihre Aufnahme ist plötzlich eine Stunde zu kurz – oder beginnt in einer anderen Zeitzone.
Der Skandal liegt auf der Hand: Würde man in der Nacht sterben, verliert man objektiv eine Stunde Lebenszeit. Das wäre noch tragischer, wenn diese Stunde besonders schön geworden wäre – etwa weil der Pfleger ein zweites Stück Kuchen bringt. Doch leider: Zeit, die nie existiert hat, kann nicht mit Sahne überdeckt werden.
Bleibt nur der Appell: Überleben Sie mindestens bis zum 26. Oktober, wo Sie diese Stunde zurückbekommen. Lassen Sie sich diese Stunde nicht dauerhaft stehlen!
Quelle: ZEIT ONLINE (2025): Zeitumstellung: Wieso stellen wir die Zeit um?



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