Langzeitwirkung der Propaganda: Russland heute und Deutschland nach 1945

Propaganda prägt Gesellschaften langfristig und nachhaltig. Russlands Krieg gegen die Ukraine seit Februar 2022 zeigt erneut, wie tief staatliche Desinformation wirken kann. Viele Russen glauben bis heute an die Erzählung des Kremls, wonach die Ukraine von „Nazis“ regiert werde und Russland in Wirklichkeit nur auf „Angriffe“ des Westens reagiert habe. Tatsächlich handelt es sich seit mehr als drei Jahren um einen brutalen russischen Angriffskrieg, ohne dass es irgendwelche realen nationalsozialistischen Strukturen in der ukrainischen Regierung gäbe.

Der Grund, warum es nach dem Krieg kaum funktionieren dürfte, die Mehrheit der russischen Gesellschaft von der Wahrheit zu überzeugen, liegt in der jahrzehntelangen systematischen Manipulation durch die russische Staatspropaganda. Putins Regime prägt bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten die Weltsicht der Bevölkerung. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine ist diese Propaganda nochmals drastisch verschärft worden. Die Folge ist eine tief verankerte Sichtweise, die auch mit Fakten schwer zu erschüttern sein dürfte.

Ein ähnliches historisches Beispiel ist die Wirkung der nationalsozialistischen Propaganda unter Adolf Hitler in Deutschland. Obwohl Deutschland 1945 von den Alliierten vollständig besiegt wurde, gelang es bei Weitem nicht allen Deutschen, die nationalsozialistische Ideologie vollständig zu überwinden. In Westdeutschland fand zwar eine intensive und kritische Aufarbeitung der NS-Vergangenheit statt, die bei großen Teilen der Gesellschaft zu einem Bewusstseinswandel führte. Doch selbst dort dauerte es Jahrzehnte, um alle Reste der NS-Propaganda aus den Köpfen zu entfernen. In Ostdeutschland hingegen war die Situation schwieriger. Dort stand das Land unter sowjetischem Einfluss, weshalb es die offizielle Lesart gab, dass allein die Sowjetunion den Nationalsozialismus besiegt hätte. Dies führte dazu, dass in der DDR eher wenig kritische Ausein­an­der­set­zung mit eigenen nationalsozialistischen Verstrickungen stattgefunden haben dürfte, was alte Muster und Ressentiments konservierte und teilweise sogar an spätere Generationen weitergab.

Propaganda wirkt demnach langfristig, teils über Generationen. Die Erfahrungen aus der deutschen Geschichte zeigen, dass selbst eine klare militärische Niederlage nicht automatisch zu einem radikalen Umdenken führt. Somit ist anzunehmen, dass in Russland – selbst wenn das Putin-Regime fallen sollte – noch lange Zeit tief verwurzelte propagandistische Vorstellungen bestehen bleiben werden. Der Prozess der Aufarbeitung könnte Jahrzehnte dauern.


Hintergrundinfo:

In der DDR wurde die nationalsozialistische Vergangenheit im Schulunterricht vor allem aus einer antifaschistischen Perspektive behandelt, die den kommunistischen Widerstand in den Vordergrund stellte. Der Holocaust und das Schicksal der jüdischen Bevölkerung wurden dabei oft nur am Rande thematisiert.

Diese antifaschistische Erziehung war ein Grundpfeiler der Volksbildung in der DDR. Allerdings führte die starke ideologische Ausrichtung dazu, dass die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit oft einseitig war und andere Opfergruppen sowie individuelle Schuldfragen vernachlässigt wurden.

Im Gegensatz dazu wurde die Bundesrepublik Deutschland in der DDR-Propaganda häufig als Nachfolger des Faschismus dargestellt, um die eigene antifaschistische Identität zu betonen. Dies führte dazu, dass die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in der DDR primär als ein Problem des Westens angesehen wurde.

Somit lässt sich sagen, dass die NS-Zeit in der DDR-Schule thematisiert wurde, jedoch mit einem starken Fokus auf den kommunistischen Widerstand und einer Vernachlässigung anderer Aspekte wie des Holocausts. Die Darstellung erfolgte oft in Abgrenzung zur Bundesrepublik, die als Hort des weiterbestehenden Faschismus dargestellt wurde.


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