
In unserer Zeit, in welcher Russland nach Belieben mit Waffengewalt Grenzen verschiebt und das Völkerrecht mit Füssen tritt, in der Ukraine mordet, ukrainische Kinder zu Tausenden verschleppt und ganze ukrainische Städte dem Erdboden gleichmacht, hat sich der Vatikan dazu entschieden, ein Spiel der etwas anderen Art zu spielen. Ein Spiel, das weniger von geopolitischem Kalkül als von göttlicher Hoffnung geprägt ist. Papst Franziskus, der spirituelle Führer von Milliarden, hat in einem kühnen, wenn auch von manchen als naiv bezeichneten Schritt, die Ukraine dazu aufgerufen, den Mut zu haben, die „weiße Fahne“ zu hissen und mit Russland, welches nicht verhandeln, sondern die Ukraine auslöschen will, auf Verhandlungen zu setzen. Ein Appell, der weltweit für Stirnrunzeln sorgt.
Vergessen wir für einen Moment die unzähligen Male, in denen die Geschichte gezeigt hat, dass Aggressoren selten durch Kapitulation und gute Absichten besänftigt werden können. Stattdessen lernen wir vom Vatikan: Wenn Sie sehen, dass Sie besiegt sind, ergeben Sie sich einfach. Eine Philosophie, die vielleicht in himmlischen Sphären ihren Platz findet, auf dem harten Boden der Realität jedoch eher zu Verwunderung führt.
Stellen wir uns vor, dieses Prinzip würde in anderen Lebensbereichen angewendet. Ein Einbrecher in Ihrem Haus? Hissen Sie die weiße Fahne und bieten Sie ihm einen Tee an. Ein unfaire Behandlung im Büro? Ergeben Sie sich dem Willen Ihres Chefs und hoffen Sie auf göttliche Intervention. Ein Rezept für Frieden und Harmonie, oder vielleicht eher ein Freifahrtschein für die, die es gewohnt sind, sich mit Macht durchzusetzen?
Um es mal auf einen Vergleich aus unserer Alltagswelt zu übertragen: das wäre ja ähnlich, wie wenn man nicht dem Täter, sondern einer Frau, die gerade vergewaltigt wird, rät, sich zu ergeben, die weisse Flagge zu zeigen und mit dem Täter in Verhandlungen zu treten.
Oder um es auf eine Weise auszudrücken, die auch der Vatikan versteht: es wäre so, wie wenn ein katholischer Priester gerade einen Ministranten missbraucht und der Papst diesem Ministranten dann rät, sich zu ergeben, die weiße Flagge zu zücken und mit dem Täter zu verhandeln.
Über was eigentlich verhandeln?
Vielleicht wäre jetzt der geeignete Zeitpunkt, dass der Vatikan seine Strategie überdenkt und erkennt, dass Frieden und Gerechtigkeit oft mehr erfordern als den Mut zur Kapitulation. Denn in einem Zeitalter, in dem die Wölfe nicht zögern, die Lämmer zu verschlingen, mag es manchmal notwendig sein, statt der weißen Fahne das Schwert zu ergreifen.
Martin Luther wusste das. Aber gut, der wollte den Vatikan ja auch reformieren. Da ist wohl noch einiges zu tun.



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