Putin und die Banalität des Bösen

Was haben Adolf Eichmann und Wladimir Putin gemeinsam? Dieser Frage gehen wir in diesem Artikel nach.

Aktualisieren Sie am besten aber zuerst ihr Vorwissen:

Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen ist ein Buch der politischen Theoretikerin Hannah Arendt, das sie anlässlich des 1961 vor dem Bezirksgericht Jerusalem geführten Prozesses gegen den SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann verfasste. […]

Quelle Wikipedia

Otto Adolf Eichmann (*19. Mär1906 in Solingen; † 1. Juni 1962 in Ramla bei Tel AvivIsrael) war ein deutscher SS-Obersturmbannführer. Während der Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges leitete er in Berlin das „Eichmannreferat“. Diese zentrale Dienststelle des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA, mit dem Kürzel IV B 4) organisierte die VerfolgungVertreibung und Deportation von Juden und war mitverantwortlich für die Ermordung von schätzungsweise sechs Millionen Menschen im weitgehend vom NS-Staat besetzten Europa. Im Mai 1960 wurde er von israelischen Agenten aus Argentinien entführt und nach Israel gebracht, wo ihm ein öffentlicher Prozess gemacht wurde. Er wurde zum Tode verurteilt und in der Nacht vom 31. Mai auf den 1. Juni 1962 durch Hängen hingerichtet. […]

Arendt bezeichnet Eichmann als „normalen Menschen“. Abgesehen davon, dass er eine Karriere im SS-Apparat machen wollte, habe er kein Motiv gehabt, vor allem sei er nicht übermäßig antisemitisch gewesen. Er sei psychisch normal, kein „Dämon oder Ungeheuer“ gewesen und habe nur seine „Pflicht“ erfüllt. Eichmann habe nicht nur Befehlen, sondern „dem Gesetz“ gehorcht. Der Gesetzgeber sei Adolf Hitler mit seinem Führerwillen und Eichmann nicht länger „Herr über [s]ich selbst“ gewesen; „ändern konnte [er] nichts“. Eichmanns Unfähigkeit, selbst zu denken, habe sich vor allem an der Verwendung klischeehafter Phrasen, einem Verstecken hinter der Amtssprache, gezeigt. Als auf der Wannseekonferenz die Spitzenvertreter von Ministerien der Endlösung unwidersprochen zustimmten, habe Eichmann sich jeder Verantwortung enthoben gefühlt: Die „gute Gesellschaft“ stimmte zu – was sollte er als kleiner Mann da machen? Nach der Wannseekonferenz, als er im Kreis der „Großen“ fachsimpeln durfte, seien minimale Zweifel, eventuelle Gewissensbisse verschwunden: „In diesem Augenblick fühlte ich mich wie Pontius Pilatus, bar jeder Schuld.“ Im Gegensatz dazu betont Arendt, dass es auch unter der totalitären Herrschaft Wahlmöglichkeiten, eine Moral gibt.

Quelle Wikipedia

Hannah Arendt macht in ihrem oben genannten Buch deutlich, dass das Böse ganz banal daherkommt. Adolf Eichmann war jemand, der einfach nur Befehle ausführte. Er war ein recht normaler Mensch, psychisch recht normal, aber er erlaubte sich keine eigenen Entscheidungen. Auch in einer Diktatur unter Hitler hat man nämlich gewisse Möglichkeiten, das eigene Handeln zu bestimmen. Adolf Eichmann jedoch folgte brav den Befehlen des Systems und trug zu unvorstellbarem Grauen, zu einem Bösen von unvorstellbarem Ausmaß ganz maßgeblich bei. Er organisierte das Böse. Einfach nur deshalb, weil er auf ganz banale Weise sein Denken ausschaltete und Befehle befolgte. Ganz banal.

Nun ist Wladimir Putin keiner, der Befehle empfängt, sondern einer, der sie gibt. Ein Diktator, der anderen Menschen diktiert, was sie zu tun haben. Das ist ein Unterschied zu Adolf Eichmann, dem Befehlsempfänger.

Aber Adolf Eichmann war ein Schreibtischtäter. Putin ist auch ein Schreibtischtäter. Putin lässt Krieg führen, Putin lässt morden, vergewaltigen, zerstören, vertreiben, Putin lässt tausende ukrainischer Kinder nach Russland verschleppen – Menschenraub. Der letzte Punkt ist derjenige, der selbst juristisch so deutlich nachweisbar ist, dass der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag vor wenigen Tagen einen internationalen Haftbefehl gegen Wladimir Putin ausstellte.

Und womöglich ist Putin in gewisser Weise doch auch ein Befehlsempfänger, lässt er sich doch von einer imperialistischen, faschistischen und menschenverachtenden Ideologie diktieren, was er tun soll. Nämlich andere Länder unterwerfen, Russland vergrößern und die eigene Macht sichern.

Er ist gegenüber dieser Ideologie ein Befehlsempfänger, und er ist gegenüber seinem eigenen Egoismus, der anderen Menschen die Rechte abspricht, ein Befehlsempfänger. Er schafft es offensichtlich nicht, eigenständig zu denken und die Monstrosität seiner Taten zu erkennen. Dennoch ist dies nichts, was ihn von seiner unendlich großen Schuld freisprechen könnte.

Adolf Eichmann organisierte vom Schreibtisch aus die Deportation und industrielle Vernichtung von mindestens 6 Millionen jüdischen Menschen. Ein Genozid von unglaublicher Monstrosität.

Wladimir Putin organisiert von seinem Schreibtisch aus die Zerstörung von Tschetschenien, die Zerstörung von Syrien und nun die Zerstörung ganzer ukrainischer Städte, die Vertreibung von mittlerweile etwa 13 Millionen ukrainischer Menschen und den Genozid am ukrainischen Volk.

Gestern zeigte sich Putin – manche sagen, vielleicht ein Doppelgänger – in der von Russland fast vollständig zerstörten ukrainischen Stadt Mariupol. Er inszenierte sich dort vor einem der wenigen intakt gebliebenen Häuser, um für die russischen Medien ein bisschen das eigene Image des Schreibtischtäters abzulegen, das Image des feigen Greises, der zu Hause in seinem Bunker sitzt und Befehle gibt, die unzähligen Menschen den Tod bringen.

Diese Inszenierung ändert allerdings nichts daran, dass Putin ein Schreibtischtäter ist. Auch Adolf Eichmann war ein Schreibtischtäter. Sie beide organisieren auf banale Weise die Monstrosität des Bösen.


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