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Jesus war Pazifist, oder ?

Das Leben Jesu und dessen Botschaft zum friedlichen Handeln scheinen Hand in Hand zu gehen. Man findet an sehr vielen Stellen im Neuen Testament Aussagen Jesu oder über Jesus, welche ein rein pazifistisches Bild von Jesus zeichnen, ganz besonders in der Bergpredigt.

Dennoch gibt es eine Ausnahme. Die sogenannte Tempelreinigung.

Jesus wirft die Händler und Geldwechsler aus dem Jerusalemer Tempel, im Johannes-Evangelium geht das sogar ziemlich rabiat vonstatten, Jesus bedient sich hier einer Geißel, also einer Peitsche. Aber selbst ohne Peitsche ist dies kein pazifistisches Vorgehen.

Die Reinigung des Tempels

15 Dann kamen sie nach Jerusalem. Jesus ging in den Tempel und begann, die Händler und Käufer aus dem Tempel hinauszutreiben; er stieß die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenhändler um 16 und ließ nicht zu, dass jemand irgendetwas durch den Tempelbezirk trug. 17 Er belehrte sie und sagte: Heißt es nicht in der Schrift: Mein Haus soll ein Haus des Gebetes für alle Völker genannt werden? Ihr aber habt daraus eine Räuberhöhle gemacht.

18 Die Hohepriester und die Schriftgelehrten hörten davon und suchten nach einer Möglichkeit, ihn umzubringen. Denn sie fürchteten ihn, weil das Volk außer sich war vor Staunen über seine Lehre. 19 Als es Abend wurde, verließ Jesus mit seinen Jüngern die Stadt.

Mk 11,15-33

Im Tempel fand er die Verkäufer von Rindern, Schafen und Tauben und die Geldwechsler, die dort saßen. 15 Er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle aus dem Tempel hinaus samt den Schafen und Rindern; das Geld der Wechsler schüttete er aus, ihre Tische stieß er um[1] 16 und zu den Taubenhändlern sagte er: Schafft das hier weg, macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle!

Johannes 2,13-16

Wie soll man das also interpretieren? Hier ein Ansatz.

Diese aufsehenerregende Aktion Jesu, mit der er sich wohl im Establishment des Tempels eine ganze Menge Feinde gemacht haben dürfte, eine Aktion, die letztlich wohl auch mit zu seiner Hinrichtung am Kreuz geführt haben dürfte, diese Aktion machte Jesus vermutlich deswegen, weil er Gott die Ehre erweisen wollte.

Gott die Ehre erweisen, warum und wozu ?

Jesus antwortet an einer Stelle im Evangelium mit dem sogenannten Doppelgebot der Liebe:

Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft.


Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.

Mk 12,29ff

Das Eine bedingt gewissermaßen das Andere. Wenn man Gott von ganzem Herzen liebt, liebt man auch Gottes Geschöpf, den Menschen, der nach der Genesis zum Ebenbild Gottes geschaffen wurde.

Die Liebe zu Gott, die sogenannte Gottesliebe, begründet also gewissermaßen die christliche Ethik der Nächstenliebe.

Aus diesem Grund könnte es Jesus so wichtig gewesen sein, allen Menschen den Zugang zu Gott zu ermöglichen, auch ohne dass man dafür beispielsweise Opfer am Tempel darbringen musste, wofür man die Geldwechsler benötigte. Und Händler am Jerusalemer Tempel standen dieser direkten Gottesbegegnung wohl auch eher im Weg.

Jesus wählte ohnehin generell einen Weg, direkt Gott finden zu können, indem er sich besonders an diejenigen Menschen wendete, die nicht zum Tempel kommen durften, Kranke und aus anderen Gründen „Unreine“ beispielsweise. Jesus ging auf sie zu, re-integrierte sie in die Gesellschaft und heilte Kranke, gewissermaßen ging also Gott auf sie zu – unter Umgehung des Tempelkults.

Jesus verteidigte also nachdrücklich den Zugang zu Gott und das Gottesbild, aus welchem die christliche Ethik entsteht.

Wer an diesen Gott, den Jesus verkündet, glaubt, wird nicht umhin können, mit dessen Geschöpfen, ganz besonders den Menschen natürlich, anständig umzugehen.

Die Gottesliebe begründet also gewissermaßen die Menschenrechte.

Das könnte der Grund sein, weshalb Jesus hier gewaltsam vorgeht, das einzige Mal in der ganzen Überlieferung. Jesus agiert gewaltsam, um die gesamtgesellschaftliche Grundlage für die Nächstenliebe und sogar die Feindesliebe – also die Grundlage für den Pazifismus – erst herzustellen.


Hier die frei interpretierte Szene der Tempelreinigung aus dem Film des Musicals „Jesus Christ Superstar“ aus dem Jahr 2000.

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