Homo Deus von Harari. Eine grundsätzliche Kritik.

Ich lese gerade das Buch Homo Deus, der Mensch als Gott, von Harari, und muss sagen, es gibt eine zentrale Sache, die mich stört.

Zwar bin ich noch nicht ganz durch das Buch hindurch, aber diese Sache hat sich früh abgezeichnet. Und nun verdichtet. Dort wird behauptet, das Ich oder die Seele gebe es gar nicht, sondern wenn es etwas gebe, dann höchstens einen Bewusstseinsstrom. Und auch einen freien Willen gebe es gar nicht.

Das kann man zwar behaupten, aber so richtig belegt wird es in dem Buch nicht. Oder sagen wir mal so: die Krux an dieser Weltsicht ist, dass sie von einem reinen Materialismus ausgeht. Alles ist irgendwie aus diesem Atomen und noch kleineren Teilchen gebaut und letztlich funktioniere der Mensch wie eine Maschine, wenn ich es mal so auf den Punkt bringen darf. Dementsprechend gebe es auch keinen freien Willen, weil kleinste Prozesse dann eben in der Quantenwelt zufällig entschieden werden würden, nicht aber durch freien Willen, so die Behauptung.

Die Krux an dieser ganzen Behauptung und an dem Materialismus ist das Folgende: im Materialismus gibt es nichts Geistiges. Andererseits wird aber genau das behauptet, nämlich ein Bewusstseinsstrom. Aber wo soll er stecken, dieser Bewusstseinsstrom? Und wie soll er sich von dem Geist unterscheiden oder von den Ich? Alles nicht geklärt, nur behauptet.

Im Grunde müsste man tiefer einsteigen und fragen, wie die Welt beschaffen ist. Die einen gehen von einem Materialismus aus, die anderen von einem Dualismus aus Geist und Materie, wobei hier unklar ist, wo der Übergang sein sollte. Interessant war in diesem Zusammenhang auf jeden Fall die These von Professor Markus Gabriel, die dahingehend ging, dass alles eins sein könnte, Geist und Materie, eine einzige Substanz. Eine solche Sicht könnte man beispielsweise auch beim sogenannten Doppelspaltexperiment vermuten, wo sich kleine Teilchen, je nach Messmethode, entweder als Welle oder als Materieteilchen zeigen.

Oder auch die Verschränkung von Elektronen könnte man in diese Richtung interpretieren. Verschränkt man Elektronen nämlich miteinander, wie auch immer das gehen mag, da müssen Sie einen Physiker fragen, aber tut man dies, so reagieren sie absolut zeitgleich. Auch dann, wenn das eine Elektronen am einen Ende des Universums ist und das andere am anderen. Die Information zwischen den beiden Elektronen wird also schneller als mit Lichtgeschwindigkeit übertragen. Wie soll so etwas funktionieren in einer rein materiell gedachten Welt und wo wäre die Möglichkeit der Informationsübertragung? Sie ist im reinen Materialismus nicht denkbar. Hier sind wir wieder im Bereich des Geistigen.

Oder auch die Unendlichkeit und der Urknall. Aus nichts ist plötzlich alles entstanden und es dehnt sich in einer unendlichen Unendlichkeit aus. Auch das funktioniert im Materialismus eigentlich nicht. Das ist ein geistiges Konzept: In Gedanken gibt es die Unendlichkeit, in Gedanken kann man ewig in eine Richtung fliegen, ohne je anzukommen, in Gedanken kann man aus dem Nichts plötzlich alles hervorbringen.

Und last, but not least, eine Sache, die dafür spricht, dass es das Ich, das Geistige, tatsächlich gibt, ist, dass wir alle wissen, dass es uns gibt. Wir spüren es. Aber auch dieses Spüren und Fühlen und Wissen gibt es im reinen Materialismus nicht. Denn dort wären wir alle nur Maschinen, die zwar funktionieren und tun, als wären sie Menschen, aber im Kopf wäre niemand zu Hause. Da wir aber spüren, dass es uns gibt, gibt es uns auch. Denn wer sollte dies sonst spüren, wenn nicht wir?

Von daher könnte das Universum und alles was es gibt, in Wirklichkeit eins sein, das sich mal als etwas Geistiges, mal als etwas manifestiert Materielles zeigen könnte. Wenn man ein derartiges Weltbild einmal annimmt, laufen damit die Gedanken von Harari ad absurdum. Denn er versucht aus Materie etwas Geistiges herauszubekommen, allerdings aus einem rein materiell gedachten Zusammenhang.

Das Gegenteil könnte der Fall sein. Das Wesen der Welt und des Universums und aller Existenz könnte geistigen Ursprungs sein, der sich eben auch in Form von Materie zeigen könnte. Bei dieser Art von Weltsicht hätte man auf jeden Fall nicht das Problem, zu fragen, woher das Ich oder das Bewusstsein oder die Seele oder meinetwegen auch der Bewusstseinsstrom kommt und wo er eigentlich lokalisiert ist, weil der Kern aller Existenz das Geistige wäre, das Bewusstsein.

Ähnliche Vorstellungen gab es in der antiken Philosophenschule der Stoa. Dort stellte man es sich so vor, dass die Seele des Menschen aus der unendlichen Weltseele hervorgeht und in ein Lebewesen, also in einen Menschen, wie in ein Gefäß kommt, aus welchem sie nach dem Tod wieder entweicht und zurück in die Weltseele kehrt.

Wie auch immer. Wenn man von einem Monismus ausgeht, den ich oben skizziert habe, also davon, dass Geist und Materie im Grunde dieselbe Substanz sind, die sich unterschiedlich zeigen können, braucht man nicht auf die Suche nach Bewusstsein und Geist und Seele und dem Ich zu gehen, denn die Ursubstanz, in der und aus der wir alle sind, wäre das Geistige. Harari hingegen kann mit seinem reinen Materialismus weder das Geistige, noch das Ich, noch das Wesen des Bewusstseinsstroms erklären, sondern höchstens behaupten. Für einen Bestseller ist das ein bisschen wenig.

8 Gedanken zu “Homo Deus von Harari. Eine grundsätzliche Kritik.

  1. Fisch: „Dort wird behauptet, das Ich oder die Seele gebe es gar nicht“

    Das ist richtig.

    Das „ich“ gibt es nicht, bzw. ist nur eine Vorstellung.
    So wie ein Klingelschild nichts mit dem Menschen
    zu tun hat, auf den es verweist.

    Gefällt mir

  2. Fisch: „Das kann man zwar behaupten, aber so richtig belegt wird es in dem Buch nicht.“

    Unwesentliches (wie z.B. Tatsachen)
    läßt sich belegen, Wesentliches nicht.

    Wesentliches (wie z.B. Liebe) ist nicht belegbar oder beweisbar.

    Dennoch hat JEDER Mensch die Qualifikation,
    sich in die hohe Frequenz der Liebe einzutunen.

    Gefällt 1 Person

  3. Das Bewußtsein gibt es ebenso wie die Liebe.
    Beides für jeden erfahrbar, aber unbeweisbar.

    🔆

    Als Mensch haben wir ein paar Fenster zur Verfügung,
    mittels derer wir etwas wahrhaftig mitteilen können:

    ◾ Eigene (!) Erfahrung
    ◾ Eigene (!) Wahrnehmung
    ◾ Eigene (!) Einsicht / Erkenntnis

    Gefällt 1 Person

  4. Fisch: „Im Grunde müsste [ich selber] tiefer einsteigen“

    That´s right.

    Vieles können andere für uns übernehmen, selbst das Denken.
    Nähern wir uns dem Wesentlichen, läßt sich nichts delegieren.

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  5. Fisch: „…die These von Professor Markus Gabriel … dass alles eins sein könnte, Geist und Materie, eine einzige Substanz.“

    Mit den Thesen sind wir wieder an der Oberfläche, im
    Bereich der Spekulation, der Mutmaßung, des Glaubens.

    Ja, Alles ist Eins.

    🍂

    Fisch: „Geist und Materie, eine einzige Substanz.“

    Hier gibt es keine „Substanz“ – ist alles Pappmaché.

    Selbst die Physiker haben ja schon
    erkannt, daß es keine Materie gibt.

    Und woher sollten die Dinge ihre molekulare und atomare Struktur bekommen und erhalten, wenn nicht durch den „Geist“? Der Geist schafft die Gebilde. – Nicht umgekehrt.

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  6. Fisch: „…beim sogenannten Doppelspaltexperiment“

    Ein Ergebnis dieses Experiments: Es hat dem Teppich unter
    den Füßen der Großmacht LOGIK einen ordentlichen Ruck beschert.

    🌾

    Fisch: „dass es das Ich, das Geistige, tatsächlich gibt“

    Das „ich“ (lat. ego) gibt es nicht, aber den alles
    durchdringenden und überall wirkenden Geist.

    🌾

    Fisch: „Von daher könnte das Universum und alles was es gibt, in Wirklichkeit eins sein“

    Wieso „könnte“?

    Ein Bläschen auf der Schaumkrone einer Meereswelle zum anderen: „Hast du schon gehört, wir beide könnten möglicherweise Teil des großen Meeres sein!“

    (auf einigen Schaumkronen soll man deutsche, ukrainische, russische und noch ein paar andere… Fähnchen wehen gesehen haben 🤗)

    🌾

    Fisch: „…der Kern aller Existenz das Geistige wäre, das Bewusstsein“

    Der Konjunktiv stört.

    🌾

    Fisch: „Ähnliche Vorstellungen gab es in der antiken Philosophenschule der Stoa. Dort stellte man es sich so vor, dass die Seele des Menschen aus der unendlichen Weltseele hervorgeht und in ein Lebewesen, also in einen Menschen, wie in ein Gefäß kommt, aus welchem sie nach dem Tod wieder entweicht und zurück in die Weltseele kehrt.“

    …ist auch eine passende Metapher.

    🌾

    Fisch: „die Ursubstanz, in der und aus der wir alle sind, wäre das Geistige“

    „wäre“?

    🌾

    „Wir können in keinen Abgrund fallen
    ― außer in den der Hände Gottes.“

    ― Friedrich Nietzsche

    Aus ihnen gibt es kein Entrinnen. 😉

    Gefällt 1 Person

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